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BG Streitgespräch: „Avengers: Endgame“

Seit dem 24. April wütet das Finale eines bislang einmaligen Mammutprojekts über die Leinwände: „Avengers: Endgame“ setzt sich zum Ziel, den gewagten Cliffhanger des Vorgängers „Infinity War“ aufzulösen, 21 vorhergehende Filme und Handlungsstränge um beliebte Figuren zu einem befriedigenden Ende zu bringen und gleichzeitig die Weichen zu stellen für alles, was sich zukünftig im Marvel Cinematic Universe abspielen wird. Viel Stoff, selbst für eine Laufzeit von rund drei Stunden. Kann das hinhauen? Die drei BG-Superhelden Christian Mester, Christian Westhus und Daniel Schinzig sind sich da mal wieder nicht einig. Zeit für ein neues BG-Streitgespräch. 

Spoilerwarnung: Man muss kein Dr. Strange sein, um drauf zu kommen, dass wir bei dieser Diskussion nicht um fingerschnipsende Spoiler herumkommen werden. Also bei Thanos, lasst uns spoilern! 

Die Avengers eilen zur Rettung der Welt – aber war das diesmal überhaupt nötig?

© The Walt Disney Company

Schinzig: Eigentlich ist „Avengers: Endgame“ kein guter Film! Aber selten war ein Eigentlich so eigentlich wie hier. Mein den Geschehnissen distanziert gegenüberstehender innerer Kritiker und mein emotional involvierter innerer MCU-Fan befinden sich in einem derben Civil War. Streng genommen passt tonal wenig zusammen. Die Unlogik der Zeitreisedramaturgie wird verschleiert durch pseudo-komplexe Laberei und dickhodigem „Wir machen es besser als andere Spaßfilme“-Gepose. Komik und Ernst werden gefährlich wild in einen Cocktail-Shaker geworfen. Die Action ist spärlich gesät und nicht so gut wie im Vorgänger. Alles ist hoffnungslos überladen und kommt doch nicht so recht vom Fleck. Hier ähnelt „Endgame“ in gewisser Weise überambitionierten Trilogie-Abschlüssen wie „Pirates of the Caribbean: Am Ende der Welt“ oder „Matrix Revolutions“. Und dass das Ganze als eigenständiger Film nicht funktioniert, versteht sich fast schon von selbst.
Ja, die vierte Avengers-Zusammenkunft hat definitiv Probleme. Und doch haut sie mitten ins Herz der Fans, funktioniert und bleibt im Gedächtnis. Denn die Russos verstehen die Charaktere, die uns mitunter seit über einem Jahrzehnt begleiten. Dass sie mindestens zwei Avengers fast schon der Lächerlichkeit preisgegeben und als atmende Running-Gags rumlaufen lassen, hätte nicht sein müssen. Aber dafür kommen wir Tony und Cap noch einmal so nah wie selten zuvor. Und das sitzt. Zu einem großen Teil ist „Endgame“ die Geschichte dieser beiden Urgesteine und lässt sich viel Zeit für deren Charakterentwicklung. Sehr schön.
Durch die Herangehensweise, den Fokus auf die Figuren zu legen und so die Emotionen der Zuschauer ins Visier zu nehmen, diesem Ziel alles andere – auch Story und Logik – unterzuordnen, rückt „Avengers 4“ in die Nähe jener „Doctor Who“-Folgen unter Showrunner Steven Moffat. Und die spalteten nach einiger Zeit ja das Fandom. Das könnte hier auch passieren. Zumindest bei mir sorgt die MCU-Zäsur für einen inneren Zwiespalt. „Avengers: Endgame“ ist ein großartiges Spektakel. „Avengers: Endgame“ ist ein enttäuschendes Spektakel. Löst meinen inneren Widerspruch bitte auf, werte Kollegen!

Mester: Tatsächlich sehe ich das recht ähnlich wie du, auch wenn mein Fanherz alles gnädiger auffasst. Sprich, die Schwächen stören mich diesmal kaum, während die Stärken stärker erstarken. Spannung gibts wirklich fast keine, nun ja, aber das lag schon am Ende des letzten Films. Dr Strange hatte einfach längst gespoilt, dass er weiß, wie sie gewinnen werden, und da er bis zu seinem wenig überraschenden Überaschungsauftritt nicht zu sehen ist, war klar, dass wohl alles wie geplant laufen würde (und sie gewinnen werden). Trotzdem funktioniert der Film für mich, weils mir bei der 4. Weltrettung mittlerweile eigentlich nur noch um die Helden und ihre Wege geht. Was die Russos daraus machen, ist teils großartig. Bis auf die Tatsache, dass trotz 181 Minuten Laufzeit viele Charaktere zu kurz kommen (Guardians, Black Panther, Dr Strange, Fury, Thanos‘ Kinder… auch Tony gefühlt, wo war bitte Coulson?)(Captain Marvel MUSSTE allerdings zurecht zu kurz kommen, weil sie einfach zu stark ist), kommen die übrigen fantastisch weg. Wer hätte gedacht, dass sie Ant-Man so gut inkludieren könnten, oder dass Nebula so wichtig sein könnte? Als großer Cap Fan ist es mir auch eine große Freude, dass er im Grunde der wichtigste Charakter des Films ist. Selbst die alberne Verwandlung von Thor ist okay für mich, da das Bild des saufend-fetten Trunkenbolds 1A zur nordischen Mythologie passt. Der sprechende Hulk ist ein toller Charakterwechsel, und der überall eingestreute Humor ist bemerkenswert gelungen. Selten habe ich so oft und so viel in einem Actionblockbuster gelacht. Klar ist der Film reiner Fanservice, aber wenn er so gut gemacht wird, kann ich damit leben, dass er einige Längen hat, dass einige Tode nicht so schmerzen wie sie müssten (zumal längst zu sehr etabliert wurde, dass bei Bedarf zurückgeholt werden kann), dass die erste Hälfte tonal echt wabbelig ist (dass Steven Spielberg den Showdown in „Ready Player One“ vorweg nehmen würde, konnte ja keiner erahnen) und eine Post-Credits Szene faulerweise fehlt. Ich war dennoch hellauf begeistert.

Schinzig: Du erwähnst da gerade vieles, dem der Fanboy in mir heftig nickend zustimmt. Aber der kleine Superheldenfreak in meinem Herzen ist nicht durchgehend laut genug, um den Nörgler in meinem Kopf vollständig zu knebeln. Und ich glaube, das liegt daran, weil ich an einigen Stellen des Films erstmals bei einem Avengers-Abenteuer so etwas wie Langeweile gespürt habe. Nicht die Form von Langweile, die entsteht, weil unnötiges Zeug gezeigt und erzählt wird. Eher den Hauch von Langatmigkeit, den ich als „Muss so sein und darf so sein“ akzeptiere, weil die Zeit den Charakteren dient. Aber diese Momente lassen das Abenteuer im Mittelteil leicht zäh werden. Und wenn der Spaß ein wenig bröckelt, schalten sich die Nörgel-Synapsen bei mir ein. Tatsächlich gab es sogar eine kurze Zeitspanne während meiner Sichtung, während der ich unruhig wurde – „Können sie ihre Zeitreise-Operation nicht langsam zu einem Ende bringen, damit es zur Sache geht?“ war der Gedanke, der durch meinen Kopf schoss und über den ich mich selbst erschrocken habe. Denn ich liebe es doch, Zeit mit all diesen Charakteren zu verbringen. Was war hier also los? War ich doch etwas zu müde an dem Abend für einen drei-Stunden-Klopper? Oder entwickelt der Film einfach nicht den Sog, den ich mir erhofft habe? Vermutlich liegt – wo so oft im Leben – die Antwort in der Mitte.
Und da du den Thor-Dude erwähnst: Auch eine dieser Entscheidungen, die mich zwiegespalten zurücklassen. Denn ich habe mich tierisch über diesen abgewrackten Bierbauch-Hammerschwinger amüsiert, ja, habe ihn in einigen Momenten sogar gefeiert. Im Sinne der Komik ist das eine geile Idee. Und man merkt in jedem Augenblick, wie viel Bock Chris Hemsworth auf diese Art der Comedy-Darstellung hat. Aber gleichzeitig verheizt „Endgame“ damit auch mal einfach so die Thematik des sich in Selbstmitleid badenden Gottes, des Superhelden, der nicht mit der niederschmetternden Niederlage zurechtkommt. Natürlich hätte ich mir hier auch keine toternste Herangehensweise gewünscht, aber Thors Tiefpunkt als solch eine Karikatur aufzuziehen, ist im besten Fall gewagt – im schlimmsten Fall ein Arschtritt für alle Fans des „ernstzunehmenden“ Thors. Oder?

Letzter Einsatz für zwei liebgewonnene Haudegen?

© The Walt Disney Company

Mester: Klar, dieser viele Humoreinsatz verändert die mögliche Dramatik, so ist nicht die gleiche Enge zu spüren wie bei „Rückkehr des Königs“. Thor hat aber auch schon genug erlebt. Er hat Vater und Mutter verloren, musste Schwester und Bruder sterben sehen, hat seine Freundin nicht mehr, hat sein Zuhause und einen Großteil seines Volks verloren, und dann schien es auch noch so, als hätte er die eine Chance Thanos zu erledigen, verpatzt. Ich kann das wohl verstehen, dass sich manch einer ein ingesamt ernsteres Ende erwünscht hätte, wie zum Beispiel bei „Potter 8“, aber mir gefiel diese andere Herangehensweise. Was die Langeweile betrifft – also mir gefielen die Abstecher in die Zeit. Ich hätt gern noch mehr davon gesehen, da der Showdown absehbar war. Was da aber lief, wars nicht. Bin mal gespannt, was Kollege Westhus von dem ganzen Nostalgiezeugs hält. Tatsächlich hätte ich mir sogar noch ein paar mehr Cameos gewünscht. Was war mit Sif, Coulson (ja den hatten wir erst gerade in „Captain Marvel“, trotzdem), Luis?. Wieso nicht diese eine Chance nutzen und die Netflix Helden zeigen? Insgeheim hatte ich gehofft, sie würden Edward Norton auch nochmal irgendwo mit einbringen, aber immerhin gabs mit General Thunderbolt Ross einen Bezug.

Westhus: C-C-C-Combo Breaker! Whaddup?! Was habe ich verpasst? Ich war etwas verspätet mit meinem Kinobesuch, daher muss ich nun das Feld von hinten aufrollen. Also… Kennt ihr das? Da glaubt man, seine so genannten Pet Peeves, seine kleinen trivialen Lieblings-Ärgernisse bei Filmen verstanden und akzeptiert zu haben. Und dann kommt ein Film wie „Endgame“ daher, prädestiniert dazu, bei mir zu scheitern. Ein Film, der gleich mehrfach Grund zum theoretischen Frust bietet, mit viel Nostalgie, Fan-Service, absurder Zeitreise und Russo Action. Doch plötzlich funktioniert es. Nicht alles, doch im Großen und Ganzen funktioniert „Endgame“ im Widerspruch meiner Erwartungen und Vorlieben. Kurzum: „Endgame“ ist besser als „Infinity War“.
(dramatische Pause)
Haben wir uns alle von diesem Schock erholt? Ich war selbst überrascht und bin nur froh, dass ich kein Typ mit Hang zum Wetten bin, denn ich hätte Haus und Hof verspielt, unsere jeweiligen Reaktionen zu diesem Film hervorzusagen. Also woran lag es bei mir, woran mache ich die hohe (aber nun auch nicht sensationell hohe) Qualität des Films fest? Nun, einfach gesagt ist bei „Endgame“ etwas mit mir passiert, das im MCU bisher vielleicht knapp drei- bis viermal vorgekommen ist: ich habe etwas empfunden! Damit meine ich nicht Erheiterung oder Unterhaltung durch rasante Action, sondern echte Emotionen. Ich war tatsächlich gerührt und das mehr als einmal. Auch in Sachen Emotionen sind diese Filme (und die Russos ganz besonders) eher mit der Abrissbirne als mit dem Skalpell unterwegs, doch irgendwie haben sie hier einen Weg gefunden, die Vorarbeit aus elf Jahren und 21 Filmen effektiv zu kanalisieren und die Früchte zu ernten. Wie ausgerechnet die Russos dazu in der Lage waren, ist mir noch nicht ganz klar. Ich denke aber, dass das Script klugerweise seinen Fokus auf Cap, Tony, Thor, Natasha und Clint legt und insbesondere auf dem Fundament von Phase 1 aufbaut. Denn in Phase 1 war man noch wirklich an Figuren, nein, an Personen interessiert, an echten Erfahrungen und Emotionen. Daher ist es nicht nur vertretbar, sondern vollkommen richtig, dass Black Panther, Strange, Spidey und Konsorten erst spät und selbst dann nur hintergründig auftauchen. Vieles ging mir zwar zu schnell, z.B. Hawkeyes Wandlung in den dunklen 5 Jahren und die anschließende Rückwandlung, oder auch Tony „Ich habe Zeitreisen erfunden“ Stark mit seinen immer neuen Gadgets. Doch wenn es drauf ankam, konnte der Film liefern.
Allein die beiden Gespräche zwischen Avengers und ihren Eltern waren wunderbar und hatten plötzlich emotionales Gewicht. Auch Lebowski-Thor. (Banner-Hulk war für mich schwieriger.) Ich weiß auch nicht, ob es so sinnvoll ist, bei „Endgame“ noch immer über Marvels Art des Humors zu diskutieren. Diese ist ja nun seit ein paar Jahren etabliert. Das heißt nicht, dass alles funktioniert oder eben nicht funktioniert. Ja, Lebowski-Thor am Ende auf der Beerdigung zu sehen, entlockte mir ein deplatziertes Kichern, aber z.B. in erwähnter Szene mit Frigga ist das überhaupt kein Problem. Im Gegenteil. Wir hatten den trübseligen Shakespeare Thor bereits. Und nur weil er aussieht wie ein kiffender Schluffi, heißt das nicht, dass seine Gefühle nicht echt sind. Es mag auf Lockerheit und vereinzelte Lacher ausgelegt sein, doch Thors Leugnung und schleichende Akzeptanz von Tränen (ergo Schwäche) gegenüber Rocket und dann auch Frigga sind ungeheuer effektiv und passend für diese Figur in diesem Film. Tony und Cap funktionieren da anders und von den so unterschiedlichen Enden für diese beiden braucht man gar nicht sprechen. Es war, ganz anders als das leere Farce-Sterben aus „Infinity War“, endlich mal verdient und noch dazu rund im Kontext ihrer bisherigen MCU Geschichten. Kein simpler Heldentod, sondern tatsächlich mit einer irgendwie poetischen Note. Dass sie gleichzeitig eine Figur wie Nebula erst auf superspannende Art wichtig und interessant machen, nur um sie dann im Finale (wie auch Gamora und Drax) vollkommen zu vergessen, ist für das MCU und die Russos irgendwie bezeichnend. Doch den Weg dorthin habe ich sehr genossen. Daher hatte ich auch die gegenteilige Reaktion, wie sie Daniel beschrieben hatte: Ich fand die Zeitreise-Schnitzeljagd wunderbar und hätte noch länger dort verweilen können. Ich schätze, Nostalgie und Fan-Service sind nicht grundsätzlich kacke. Nur dann, wenn es billig, faul und unverdient kommt. Als dann die unvermeidliche Action-Konfrontation folgte, entließ ich ein kleines Seufzen. Bis hierhin war es so nett, aber so wie Thanos sich selbst beschreibt, so ist auch das Actionfinale eines MCU Films „unvermeidlich“.

Schinzig: Zum Glück bin auch ich kein Mensch mit Hang zum Wetten. Denn ich bin nun tatsächlich überrascht über deine Meinung zu „Endgame“, Christian W. Gerade, weil es so viele Elemente gibt, von denen ich ja weiß, dass sie dir generell nicht gefallen, hatte ich schlimmstes befürchtet. Zumal ich euch ja eine Aufgabe gestellt habe: Löst meinen inneren Widerspruch! Ich sah euch beide schon auf meinen Schultern sitzen, als Captain Engelchen und Iron Teufelchen; zwei Extrem-Meinungen und ich mittendrin. Stattdessen schafft ihr es, dass mein doofer, nörgelnder, innerer Kritiker langsam leiser und leiser wird. Zugegeben: Ich bin auch mehr als bereit dazu, den Kerl auf Stumm zu schalten. Und wie ich ja schon erwähnte: Eigentlich feiere ich den Big Lethorski ja auch.
Ihr habt jetzt viele Sachen genannt. Ich greife nur mal schlaglichtartig was auf. Christian W, du erwähnst, dass du seufzen musstest, als es zur Action-Konfrontation am Ende kam. Bei aller Liebe zu Entschleunigung, die „Endgame“ bot und die ich gerade im ersten Drittel als sensationell erachte: Es war wichtig, dass im Finale doch noch großes Spektakel geboten wurde. Aber selbst hier machte sich ja die höhere emotionale Involvierung bemerkbar. Zumindest ich hatte – trotz der vielen tollen Bilder, die auch viele der Vorgänger schon boten – noch nie solche Gänsehaut bei einem MCU-Film wie in dem Moment, als schließlich all die im Vorgänger zu Staub zerfallenen Helden durch die Portale auftauchten. Und als es dann zur Sache ging – Ja, so nah war ein Film noch nie an den herrlich überladenen Comic-Events, mit denen Marvel und DC seit einigen Jahrzehnten ihre Leserschaft erfreuen. Dass ich mir für die Schlacht einen etwas weniger künstlichen Look gewünscht hätte, möchte ich hier nicht unerwähnt lassen. Dennoch war ich glücklich. Und selbst in den kleinen Momenten zahlte sich die Vorarbeit von 11 Jahren aus: Wenn man, mal ganz distanziert betrachtet, plötzlich jubelt, weil ein Supermensch mit einem Hammer eines Gottes schwingt, dann muss hier etwas ganz besonderes passiert sein. Schon geil. Und verdammt: Der Blick von Tony nach seinem Opfer wird mir wohl ewig im Gedächtnis bleiben und für Melancholie sorgen. Dazu der so simple wie perfekte Satz „Ich bin Iron Man“, der ja auch einen Bogen zum Anfang schlug — Ja, ok, ihr seht mich langsam schwärmen. Vielleicht sollte man hier auch gar nicht mehr mit den Kriterien eines Films bewerten – sondern es eher als ein Finale einer sehr lange laufenden Staffel einer einmaligen Superheldenserie für die große Leinwand betrachten.
Und nun? Jetzt sind wir größtenteils einer Meinung. Gibt es noch etwas, über das wir unbedingt sprechen müssen?

Mester: Im Asgard-Fischerdorf gabs ja den Steinmensch Korg aus „Thor: Ragnarok“ – habt ihr gesehen, dass sein Riesenraupenkumpel am Pizza mampfen war? Das ist Kino.

Kriegt endlich wieder mehr zu tun: Jeremy Renner als Hawkeye/Ronin.

© The Walt Disney Company

Westhus: Man muss sich gar nicht zwischen freudlosem Kritiker und euphorischem Fan entscheiden. Beides kann richtig sein – gleichzeitig. Wir sind aber nur oberflächlich betrachtet einer Meinung. Was ist z.B. mit der Relation dieses Films zu „Infinity War“? Wie bereits erwähnt würde ich „Endgame“ im oberen Drittel des MCUs positionieren, während IW nur im sehr breiten Mittelfeld landet. Bei euch ist das anders, wie es klingt. Warum sehe ich Verbesserungen, während ihr kleinere oder größere Rückschritte festmacht? Daniel erwähnt die Rückkehr der verstaubten Helden durch die Portale als ultimativen Gänsehautmoment. Ich fand den Moment nett, aber nur das. Es war so oder so ähnlich erwartet worden, diese Figuren sind für diese Handlung nur Beiwerk und es wirkt zudem sehr praktisch (weil Plot), wie auch Carols lange Abwesendheit übrigens eher praktisch (weil Plot) wirkt. Daniel spricht außerdem richtigerweise den künstlichen Look an (spricht zuvor aber von tollen Bildern, hm…) und da bin ich wieder voll bei ihm. Mittlerweile muss man ja fast davon ausgehen, dass das zumindest bei den Russos so gewollt ist. Warum auch immer. Alles im Matschepampe Look in Braun, Grau und Violetttönen, aber ohne Sättigung, ohne Konturen, dadurch irgendwie billig. Die Star Wars Filme, sogar „Solo“, sehen um locker drei Parsecs besser aus. Das war mit ein Grund, warum ich zum Start des Endkampfs seufzen musste. Es war so schön bis hierhin, nun kommt das Unvermeidbare: Action in Stil und Look der Russos. (Übrigens, ist euch aufgefallen, dass der Typ aus Caps Selbsthilfegruppe einer der Russo Brüder ist? Fragt mich nicht, welcher. – Joe.) Inszenatorisch ist aber das Finale dennoch recht ordentlich, klar besser als z.B. das öde Flughafengekloppe aus „Civil War“ und mindestens gleichauf mit der (soliden) Action aus IW. Mir hat aber gefallen, dass Thanos (der Thanos der Vergangenheit) erkennt und formuliert, wie dämlich der Plan aus IW war. Denn natürlich sind diese Empathie-Wesen namens Menschheit keine Lemminge, die nach milliardenfachem Verlust einfach weitermachen. Das ist ein gelungener (auch emotionaler) Kernpunkt dieses Films und des MCUs im Ganzen. Daumen hoch.
Was noch? Ich habe etwas Einblick in die „5 Jahre später“ Welt vermisst. Vielleicht habe ich zu viel „The Leftovers“ geguckt, aber das war mir zu knapp und zu sehr auf die Reaktion der Avengers zugeschnitten, mit nur minimalen Impressionen der zivilen Welt. Das ist eine Entwicklung, die sich nach „The Avengers“ eingeschlichen hat, dass die Restwelt – egal ob sie New York, Sokovia oder Wakanda heißt – höchstens als vages Konzept im Hintergrund aufgegriffen wurde. Zum Vergleich: Man kann über Lord Roland (Emmerich) sagen was man will, aber so billig und naiv die Impressionen anderer Länder in „Independence Day“ auch wirken, besonders gegenüber der „America, F-Yeah“ Attitüde, aber immerhin bekommen wir ein Gespür dafür, dass die Welt anderswo nicht stillsteht. Der erste „Avengers“ hatte am Ende noch die Schnipsel von New Yorkern, u.a. Stan Lee. So etwas ist dem MCU verloren gegangen und ich empfinde das als große Schwäche. (Aber trotzdem, „Endgame“ ist besser als „Ininity War“. *schulterzuck)
Okay, abschließend: die Post-Credit Szene die keine war, die meinen Kinosaal zu teils spöttischem „Und dafür habe ich gewartet“ Gelächter animierte. Was hören wir da? Was wird da geschmiedet? Spekulieren wir. (Es ist Tony Stark in der Terroristenhöhle. Mehr nicht. *schulterzuck)

Schinzig: Endlich wieder was zum Streiten! Erst einmal ein ganz entschiedenes: Nein. Nein, nein und nochmal nein. „Solo“ sah , was Sättigung und Farben der Bilder betraf, nicht besser aus. „Solo“ ist bis heute ein beispielloses Ärgernis, wie man einen Film, der dank handgemachter Puppen und vieler praktischer Effekte das Zeug zu einem echten Hingucker hat, durch falsche Post-Production Entscheidungen optisch versaut. In den schlimmsten Augenblicken scheint das Geschehen hinter Nebelwänden zu verschwinden. Bäh! „Endgame“ wiederum ist so entsättigt, wie fast alle MCU-Filme der vergangenen Jahre. Mehr als notwendig, aber nicht so viel, um (allzu) negativ aufzufallen. Nichtsdestotrotz hätte ich mir für das Finale, wie bereits erwähnt, auch eine natürlichere Umgebung gewünscht. Hier schrabbt das Geschehen dann doch in einigen Einstellung knapp an einer „Justice League“-CGI-Orgie vorbei. Einerseits. Andererseits verstehen die Russos dann doch, das Ruder nicht loszulassen. Und so führt das alles dann zu der von mir positiv hervorgehobenen Event-Comic-Action. Zu den „tollen Bildern“, die ich erwähnte: In vielen Momenten bot „Endgame“ ja auch welche, die nicht zu künstlich wirkten. Und selbst die späteren Bilder, denen ich zu unecht wirkende Atmosphäre vorwerfe, haben vom Artdesign her ja ebenballs hohe Schauwerte. Dazu kommt, dass sich die Russos für die vielen vielen Helden im Finale immer klare Action-Eigenheiten ausdenken, selbst wenn das mal nur im Hintergrund abläuft. Dennoch widerspreche ich auch hier: Die Action in „Winter Soldier“ und „Civil War“ war besser, da weniger überladen und rasanter choreografiert. Ja, auch auf die Flugplatzschlacht trifft das meiner Meinung nach zu. Die war eher inhaltlich Banane…
Ja, natürlich war der Moment, in denen die Verwehten das Kriegsfeld betreten, unvermeidbar und nicht überraschend. Dennoch hat mich hier die Inszenierung und die pure Größe dieser Szene wieder voll abgeholt. Ohne diesen Moment, ohne die gesamte Schlacht am Ende, wäre es kein Marvel-Event mehr. Dann hätte man auch – übertrieben gesagt – ein Drama über die Auswirkungen des Sterbens der Hälfte der Menschheit drehen können. Da der Fokus aber auf den Superhelden liegt, ist es auch vollkommen ok, dass wir keine weiteren Einblicke in die Welt fünf Jahre nach der Katastrophe bekommen. Komplett ignoriert wird das alles ja auch nicht, sonst hätte es die Selbsthilfegruppe oder Kommentare wie „Mehr Wale im Hudson River“ ja gar nicht gegeben. Dazu fand ich auch toll, dass im Ansatz die Frage gestellt wurde, ob es nicht besser wäre, es gut sein zu lassen. Denn nicht bei allen hat sich alles zum Schlechten geändert. Diese Karte wurde nicht ausgespielt, keine Frage. Aber für den von Marvel bevorzugten Kurs passte das schon so. Ich fand toll, dass es überhaupt angeschnitten wurde.

Westhus: Es wurde aber praktisch gar nicht angeschnitten, wie es in der Welt aussieht. Kleine Kommentare, ein Plakat und ein böse guckender Junge reichen mir da nicht. Es wird von gestürzten bzw. aufgelösten Regierungen gesprochen, aber das Avengers HQ steht und Tony kann in aller Seelenruhe sein Haus am See beziehen. Bürgerkriege? Protestbewegungen? Eine zerfallene Wirtschaft? Nichts. Am Ende sehen wir ja u.a. Familien, die wieder vereint sind: Ant-Man und Anhang, Black Panther mit Mutter und Schwester Shuri. Aber der Blick herunter auf Wakanda sagt gar nichts, gibt keinen Kontext, nur eben den neuen-alten Status des Helden. Bei einer so gigantischen Sache wie dem Schnipsen fehlt mir das einfach.
Ich glaube nicht, dass wir jetzt lang und breit über „Solo“ sprechen wollen, der sicherlich stilistisch ein paar fatale Entscheidungen getroffen hat, mir aber dennoch besser gefällt – optisch – als das „Endgame“ Finale. (Ich habe „Endgame“ übrigens in 2D geguckt.) Und wir wollen sicherlich auch nicht jetzt und hier über Actionchoreographie sprechen. Das führt zu weit weg. Nur so viel: Die anfängliche Klopperei auf dem Boot bei „Winter Soldier“ ist gelungen, ansonsten können wir bei Russo Bros. Actionszenen froh sein, wenn wir einigermaßen erkennen und mitfühlen können, was da passiert.

Schinzig: Herrlich. Da haben wir doch direkt wieder Stoff für eine ganze Palette weiterer Streitgespräche und Podcasts. So muss das sein. Sparen wir uns also Gespräche über Action-Choreografie und Entsättigungs-Sünden für später auf. Sei aber noch gesagt: Ich gebe dir durchaus insofern Recht, dass ich auch gerne mehr über die Auswirkungen des Fingerschnipsens auf die Welt gesehen hätte. Aber der Film war so schon mehr als voll genug. Die Entscheidung war klar: Die Charaktere stehen im Fokus, deren Momente sollen wirken und sich entfalten. Da musste alles andere auf der Strecke bleiben. Vor diesem Hintergrund ist meine Aussage, dass ich cool finde, dass es immerhin kleine Andeutungen gab, zu verstehen. Um aber dieses Gespräch, dass mit einem Zwiespalt meinerseits seinen Anfang nahm, nicht mit einem weiteren inneren Zwiespalt enden zu lassen: Mein Wunsch wäre, dass uns Disney+ eine Serie schenkt, die uns solche Hintergrundinfos zu „Endgame“ gibt. Eine Thriller-/Katastrophen-Event, das uns den (behaupteten und nicht gezeigten) Zusammenbruch der Zivilisation näher bringt. Wird nicht passieren, aber ich mag die Idee. So könnte man den Shared-Universe-Gedanken auch mal etwas kreativer ausfüllen.

Und jetzt seid ihr dran! Wem der drei schreibenden BG-Krieger könnt ihr am meisten zustimmen? Oder liegen sie alle falsch und ihr seht das ganz anders? Diskutiert mit uns weiter im Forum.  

Lest auch unsere „Avengers: Endgame“ Spoiler-Kritik.

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