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BG Kritik: „Der König der Löwen“ (2019)

17. Juli 2019, Michael Essmann

Thronerbe Simba (Donald Glover) möchte eigentlich jetzt gleich König sein, doch die Rechnung hat er ohne seinen finsteren Onkel Scar (Chiwetel Ejiofor) gemacht. Denn dieser schmiedet schon Pläne, wie er nicht nur das kleine Löwenjunges, sondern noch dazu auch noch seinen großen Bruder und den aktuellen König der Löwen, Mufasa (James Earl Jones) beseitigen kann. „Game of Thrones“ in der afrikanischen Savanne.

Nachdem „Dumbo“ und „Aladdin“ bereits durch bzw. im Falle von „Aladdin“ aktuell noch da sind, und vor „Maleficent 2: Mächte der Finsternis“ (ab 17. Oktober 2019), nun also „Der König der Löwen“ in der 2019er Version. Simba, Du musst nochmal deinen Platz im ewigen Kreis einnehmen.

A-weema-weh, a-weema-weh, a-weema-weh, a-weema-weh…

© The Walt Disney Company

Der König der Löwen (US, 2019)
Originaltitel: The Lion King  (US, 2019)

Regie: Jon Favreau
Mit den Stimmen von: Donald Glover, Beyoncé, Billy Eichner, Seth Rogan, John Oliver, Chiwetel Ejiofor und James Earl Jones
Kinostart: 17. Juli 2019

Kritik:
Es ist soweit, der König, ist zurückgekehrt! Einer der definitiv beliebtesten und auch erfolgreichsten Zeichentrick Erfolge aus dem Hause Disney reiht sich ein, in die nunmehr schon recht lange Reihe an realen, oder zumindest real aussehenden Neuverfilmungen. Nachdem Regisseur Jon Favreau („Iron Man“, „Kiss the Cook – So schmeckt das Leben!“) bereits die Disney-Neuauflage vom „Dschungelbuch“ in 2016 in (damals noch und nur beinahe durchgehend, aber definitiv sehr, sehr eindrucksvoll) fotorealistischem Glanze servierte, betritt nun der König des Realismus den Königsfelsen. Und hatte „The Jungle Book“ mit dem Buben in der roten Buchse noch mindestens ein echtes Element, so stammt der neue „Der König der Löwen“ offenbar komplett aus dem Rechner. Kein Ast, kein Grashalm, kein Stein oder Staubkorn, und ebenso wenig Käfer, Erdmännchen oder Löwe kamen während der Dreharbeiten zu Schaden. Denn alles und jeder ist hier computeranimiert. Es heißt zwar immer wieder Real-Verfilmung, aber real aussehende Verfilmung wäre wohl treffender. Aber merken werden dies wohl nur die Wenigsten. Denn verdammt und Hakuna Matata nochmal, was ist das bitte für eine optische Meisterleistung geworden! Der Oscar für die besten visuellen Effekte dürfte recht sicher sein. Oder wäre es dann doch eher der Oscar für den besten Animationsfilm?

Bereits hieran, einen Film in so etwas Einfaches wie eine Kategorie einzuordnen, zu scheitern, zeigt auf, wie wegweisend der neue König der Löwen tatsächlich sein könnte. Könnte. Wir sprechen uns hierzu in 10 oder auch 20 Jahren. Ein Film, der rückblickend betrachtet ein historischer Meilenstein zum Thema wie wir Filme sehen und bewerten sein könnte. Wie gesagt, könnte. Denn selten zuvor musste man sich als Zuschauer derart und durchgehend daran erinnern, hier keine Sonderfolge von „Unsere Erde“ zu sehen, auf die aus irgendeinem Grund menschliche Stimmen gelegt wurden. Natürlich wusste man bei „Avatar,“ dass blaue drei Meter Aliens nicht existieren. Ebenso wenig purpurne Titanen die „Avengers“ aufmischen und mit Monden schmeißen. Hier sind es aber Wesen die existieren, wir kennen, zum Großteil bestimmt mal real (und dann leider vermutlich eingekerkert) gesehen und erlebt haben… Und das macht es noch einmal beeindruckender und vor allem glaubhafter, was hier abgeliefert wurde. Mehr Realismus aus dem Computer, gab es wohl noch nie. Jede Bewegung, egal ob die des Tieres, seines Fells, oder des Grashalmes unter seinen Pfoten oder die des Sandkornes dazwischen, alles wirkt hier als könnte man es anfassen, greifen und betasten und somit begreifen. Wow. Visuell einfach nur begeisternd und umwerfend. Eine Meisterleistung!

In the jungle, the mighty jungle. The lion sleeps… beinahe.

© The Walt Disney Company

Aber storytechnisch, ja, da könnte man es, wenn man so will als nahezu völligen Reinfall der Kreativität bezeichnen. Machte Anfang des Jahres „Dumbo“ noch einen nahezu gänzlich anderen Film aus der klassischen Basis, wird hier wieder sehr, sehr nahe an der Vorlage erzählt. Viele Szenen wirken gar, als habe man Standbilder oder deren zugrunde liegenden Skizzen der Zeichentrick-Version als Story Boards verwendet. Dies wirkt wie sehr gezielt eingesetzt und ist irgendwie auch naheliegend, so im Anbetracht der vielen Bekannten Momente von damals, dadurch aber auch ab und an faul wirkend und nach der Erstsichtung ohne eigene, ikonische Momente und Bilder zu schaffen. Und da liegt wohl auch der Knackpunkt, an dem sich die Geister am 2019er König scheiden werden. Eine Gruppe wird recht sicher allein den Visuellen-Bereich derart beeindruckend und begeisternd finden, dass die bekannte und ohne sonderlich viele Änderungen daherkommenden Geschichte in vielen bekannt wirkenden Einstellungen kaum bis nicht negativ ins Gewicht fallen wird. Das dürfte oder könnte zumindest eine ähnliche Gruppe sein, denen die „Pocahontas“ im Weltall Geschichte von „Avatar“ damals völlig gleichgültig war, und die einfach nur einen atemberaubenden Trip in eine so noch nie gesehene Welt erfahren haben. Für andere Gruppen könnte es schlicht abgepaust in ultra-realistisch sein, und die vergeben dann vermutlich kaum ein müdes Lächeln für den neuen König. Wenn man es gar ganz bösartig ausdrücken will, dann ist „Der König der Löwen“ in 2019 nicht mehr als ein perfektes Technik-Demo in Spielfilmlänge, auf die Geschichte von „Der König der Löwen“ geklatscht. Auch wenn das nicht ganz korrekt bis sogar etwas unfair wäre. Aber eben auch nicht gänzlich falsch.

Seid bereit für den größten der Coups…

© The Walt Disney Company

Die Geschichte ist bekannt, und wenn man etwas tiefer und unter den niedlichen Aspekt mit dem tapsigen Löwen blickt, eine doch sehr harte. Ja, Simba muss seinen eigenen Weg zwischen zwei unterschiedlichen Lebens-Philosophien finden und zugleich seinen ihm vorgestimmten Platz einnehmen, zum Wohle aller. Aber da ist ja noch mehr und drum herum. Neid, Missgunst und Intrigen, die schwellende Begierde seines Onkels zu der Frau des eigenen Bruders, der schlussendliche Plan zum, und dann der feige Mord am eigenen Bruder, um seinen Platz auf dem Thron bzw. hier dem Königsfelsen einzunehmen… und dann natürlich dessen Frau zur eigenen machen. Ganz schön viel Shakespeare und heftig für einen Kinderfilm. Aber wie damals, auch heute gut vor den Kinderaugen versteckt bis verpackt, ist dieser Part eher unter der Oberfläche zu finden. Bei der realistischen Optik und dem damit einhergehen etwas höheren Härte- und auch Grusel-Grad, wäre hier aber vielleicht etwas mehr drin gewesen, diese Punkte zu zentralisieren. Apropos Härte und Grusel, die FSK hat den neuen Löwenkönig mit einer Freigabe ab 6 Jahren bewertet. Meiner ganz persönlichen Meinung nach ist der Film aber phasenweise etwas zu düster für Kinder um die 6. Auch hier wegen des unfassbar real wirkenden Looks, aber auch wie inszeniert. Wenn die anfangs noch jungen Löwen in der bekannten Szenerie des Elefanten Friedhofs von den Hyänen gejagt werden, und Favreaus Regie auf nahe, schnelle und teilweise aus der Sicht der Löwen präsentierte Bilder setzt, – und hierbei die vor Geifer triefenden Mäuler der hungrigen Biester zuschnappen lässt – dürfte dies ganz kleinen oder schreckhaften Kindern schon Angst machen.

Der ewige Kreis…

© The Walt Disney Company

Stimmlich wunderbar, hier macht man einen klasse Job und hat eine gute Besetzung zusammengetrommelt. Angemerkt sei hier allerdings, dass der Film in der Original-Version gesehen wurde, weshalb sich diese Bewertung was das angeht, auch nur auf die Original-Sprecher bezieht. Hier überzeugt Donald Glover als Simba, Seth Rogan gibt Warzenschwein Pumbaa genau richtig und mit der eigenen Note, ebenso Billy Eichner als dessen Partner Timon. Beide rocken ihre Rollen, aber von den Nebenfiguren sticht speziell Late-Night-Host John Oliver als Rotschnabeltoko Zazu besonders positiv hervor, da er sich die Figur gefühlt noch einen Hauch mehr zu eigen macht, als seine Kollegen und Kolleginnen. Aber alle machen einen guten Job, wobei Beyoncé als Nala ab und an vielleicht einen Hauch zu alt klingt. Sei es drum, dafür klingt James Earl Jones als hätte er direkt vor der Wiederaufnahme seiner anderen berühmten Vater-Rolle (neben Darth Vader und natürlich König König Jaffe Joffer aus „Der Prinz aus Zamunda“) einen Schluck aus dem Jungbrunnen getrunken. Und dann wäre da noch Chiwetel Ejiofor, als Mufasas neidischer und von der Natur in rein körperlich betrachtet, genetische bestrafter Bruder. O-beinig und mit struppiger und trockener und wenig eindrucksvoller Mähne, weist Scar wohl die größte optische Abweichung von der Vorlage auf. Gehört aber damit zu den löblichen Verbesserungen und Veränderungen im Detail.

Denn obwohl die bekannten Eckpunkte der Geschichte für Kenner überwiegend überraschungsarm daherkommen, so wurde doch hier und da angepasst und verändert. Und gar überwiegend zum Besseren. Erstaunlicherweise. Trotzdem ist der Film schlussendlich nicht besser. Schlicht, weil nicht alles was in gezeichnet oder cartoonhaft animiert funktioniert, sich immer und einfach so auf ein realistisch aussehendes Setting übertragen lässt. Und das scheint ja das Hauptaugenmerk und Verkaufsargument des neuen Königs. Du magst den Klassiker?! Hier ist er in der hyperrealistisch gerenderten Version 2019. Mit allem was man erwartet. Den bekanntesten Songs, den Bildern, den Helden und Schurken, ja, schlicht den Momenten die seit 1994 und bis heute Gänsehaut generieren und seither nicht nur Kinderaugen mit Tränen gefüllt haben. Nur eignen sich Löwen die aussehen wie Löwen und nicht wie Zeichnungen von Löwen vielleicht nicht ideal, um Emotionen zu vermitteln. Nochmals ganz persönlich gesprochen, mich hat der neue König der Löwen nicht sonderlich bewegt. Nicht emotional und im Kern. Was auch und speziell an einer Sache lag, und zwar den Liedern. Kommen diese aus dem Off – wie in der Szene, in der sich die Teenager Löwen näherkommen – so hatte ich keine Probleme damit. Löwen und ihre Gedanken, in menschlicher Sprache vermittelt. Auch Hakuna Matata funktionierte, womöglich aber auch nur, weil es eben Hakuna Matata war und ist. Aber wenn die Löwen anfangen zu singen und dabei ihre Mäuler bewegen, das waren die einzigen Momente, in denen sie schlicht falsch wirkten. Der berühmte, oft nicht näher zu beziffern oder zu bezeichnenden Uncanny Valley Moment und Effekt, bei dem etwas falsch wirkt. Trotz oder genau gesagt wegen des schieren Realismus. Das mag nicht in jedem Kopf falsch sein, aber Löwen singen nicht. Nicht für mich. Und es will auch nicht recht und exakt zum Rest des Filmes passen. Denn dies ist eher die fotorealistische und die CGI-Tiere verhalten sich eher ihren realen Vorbildern entsprechende Version der Geschichte. Will heißen: keine Pyramide aus Elefanten, Giraffen und Flusspferden zur Feier des Tages, und stattdessen eine auch im realen Tierreich anzutreffende Geste der Unterordnung oder Unterwerfung. Und da wäre vom Bauchgefühl heraus auch weniger mehr gewesen, so beim Gesang. Beziehungsweise dem Weglassen dessen. Vielleicht hätte gar auch eine Version ganz ohne Stimmen und Texte funktioniert. Einfach nur die Bilder sprechen lassen. So reißen die Songs aber gerne mal raus aus der Immersion. Dies scheint aber sehr individuell und eben von Person zu Person unterschiedlich zu sein, denn andere Zuschauer der Pressevorführung teilten diesen Eindruck nicht. Weniger uneinig war man sich aber bei der technischen Seite, diese wurde gelobt, gelobt und gelobt. Und so muss man sich als potenzieller Zuschauer vom Löwenkönig sicherlich fragen, was man erwartet. Ist ein hochglanzpolierter Löwenkönig genau das, was diesem Kinosommer noch gefehlt hat, dann bietet der Film einem auch genau das. Viel mehr aber auch kaum.

Fazit:
Auf der einen Seite ist „Der König der Löwen“ ein Paradebeispiel dafür, wie die Remakes der sogenannten Disney-Klassiker eigentlich nicht aussehen sollten. Nämlich im Prinzip nochmal genau das abliefern was man kennt, nur eben in technisch aufpoliert. Aber auf der anderen Seite ist die Optik hier einfach nur phänomenal und zum niederknien beeindruckend, dass man dem Film dafür einfach auch kaum böse sein will. Dies wird aber sicherlich jeder anders sehen und dürfte für eine deutliche Spaltung des Publikums sorgen. Hakuna Matata.

Optik: 10/10
Gesamt-Paket: 7/10

Autor: Michael Essmann

Ein B-Movie Freund, der seit einigen Jahren in Köln heimisch ist und dort erfolgreich Design studiert hat. Seitdem schiebt er u.a. Pixel hin und her.