BG Kritik: Die wandernde Erde

7. Mai 2019, Christian Westhus

Unsere Sonne erlischt und wird dabei zu einem Roten Riesen, der die Erde vernichten könnte. Das Projekt „Wandernde Erde“ wird umgesetzt: angetrieben von mehreren Tausend Triebwerken, die an der Oberfläche des blauen Planeten gebaut werden, soll die Erde ihr Sonnensystem verlassen und ein neues suchen. Dabei soll der Jupiter helfen, doch es kommt zu Schwierigkeiten.

© Netflix, China Film Group

Die wandernde Erde (China, 2019)
Originaltitel: The Wandering Earth (Liu lang di qiu, 流浪地球)
Regie: Frant Gwo
Mit: Wu Jing, Qu Chuxiao, Jaho Jin Mai, Ng Man-Tat

 

Das aktuelle Filmschaffen Chinas ist aus vielerlei Gründen spannend zu beobachten. Nicht zuletzt auch funktioniert es als eine Art Zerrspiegel des amerikanischen Kinos. Trotz strenger Zensurregeln und finanzieller Verteilungsschlüssel setzen amerikanische Studios auf die potentielle Finanzkraft des chinesischen Box Office, wollen den Zuspruch aus dem Reich der Mitte mit Nebenrollencastings oder der Schauplatzwahl im Film beeinflussen. Dazu sind immer mehr Hollywoodblockbuster im Kleinen (Bad Moms (ja), Edge of Seventeen (ja, wirklich), John Wick) oder Größeren (WarCraft, Kong: Skull Island, Wonder Woman, The Meg) von chinesischen Investoren mitfinanziert. Ein Film wie „The Wall“ stellt ein besonderes Kuriosum da und macht seine interkulturelle Abhängigkeit irgendwie seltsamerweise zu einem bildlichen Teil der Handlung. Und dann ist da die tatsächliche eigene Filmproduktion in Fernost, wo es nur sehr wenige Werke in den „Westen“ schaffen. Auch viele dieser Filme greifen amerikanische Trends auf. „Wolf Warrior 2“, einer der finanziell erfolgreichsten chinesischen Filme aller Zeiten (und mit der Besetzung von Frank Grillo und einem Schauplatzwechsel ebenfalls „internationaler“ ausgelegt), ist ein großspuriger militärischer Actionfilm, irgendwo zwischen Michael Bay und altmodischen Schwarzenegger/Stallone Klassikern.

 

Nun also „The Wandering Earth“: Ein in seiner Grundidee, nach einer Novelle von Liu Cixin, geradezu komplett absurdes Ungetüm, aber irgendwie auch nichts, was nicht auch das Hollywood von „Sunshine“, „The Core“ und „Geostorm“ hätte ausspucken können. Ein paar (Milliarden) Jahre eher als gedacht springen bei der Sonne die Sicherungen raus. Das heißt wenig Gutes für die Erde und ihre Bewohner. Also wird ein gewaltiges globales Projekt ins Leben gerufen: Die wandernde Erde. Neben den Haupttriebwerken rund um den Äquator gibt es bald rund 10.000 gigantische Wasserstofftriebwerke über der nördlichen Halbkugel verstreut, mit denen die Erde aus ihrer Bahn gerissen und durchs All gesteuert wird, auf der Suche nach einem neuen Sonnensystem. Dabei zielt man zunächst auf den Jupiter, denn dessen gewaltige Gravitation soll für einen Slingshot genutzt werden, um das einst heimische System zu verlassen. Doch der Jupiter ist stärker als gedacht (Oder der Kurs war nicht richtig berechnet? Wer weiß das schon?!) und so geht es auf der Erde bald drunter und drüber.

 

© Netflix, China Film Group

Das ist die Große Story. Die „kleine“ Story ist erwartungsgemäß eine Familiengeschichte. Liu Peiqiang (Wu Jing) ist Wissenschaftler und startet seine Mission auf der Helios, der internationalen Raumstation, die der Erde vorausfliegt und diese koordiniert. Liu hinterlässt seinen vierjährigen Sohn bei seinem eigenen Vater, in Zukunft nur „Opa“ genannt. Die Mutter ist todkrank und kurz darauf taucht ein Mädchen/eine Schwester namens Doudou auf (Eine Erklärung wird mit 1A Timing, hahaha, vom Film nachgereicht.), die die Familie vergrößert. 15 Jahre später setzt die Handlung ein. Und als wäre das noch nicht dramatisch bzw. passend genug, ist es für Liu Peiqiang natürlich der letzte Tag auf der Station und auf der Erde ist gerade Chinesisches Neujahr. Passend. Doch dann, tja, entfaltet der große Jupiter seine ganze Anziehungskraft.

 

Mit dem abgeschlossenen Projekt zur Konzeption, Bewilligung und Umsetzung der Triebwerke überspringt die Geschichte schon einmal direkt Stoff genug für ein knappes Dutzend eigene Katastrophenfilme. Von dieser seltsamen neuen Welt bekommen wir nur das Gröbste mit. Der nun 19-jährige Sohn, Qi, entwischt mit Schwester Doudou aus den unterirdischen Wohnbereichen, wo sich der Großteil der Weltbevölkerung aufhält, und will ihr auf der bitterkalten Oberfläche etwas zeigen. In der frostigen Außenwelt gibt es dennoch ein reges Treiben, denn es wird hart gearbeitet. Da wir uns nicht weit in der Zukunft befinden, sieht vieles noch recht vertraut aus, immer nur leicht verändert. Wenn die gewaltigen Lastwagen und Bagger schon nicht nach Zukunft aussehen, müssen sie irgendwelche Spielereien besitzen. So wird aus einem so intuitiven und universell logischen Ding wie dem Lenkrad plötzlich eine sonderbare Kugel. Warum auch immer. Bald schon kommt Opa hinzu, der geplante Ausflug wird unterbrochen und dann geht’s rund, wenn durch Jupiter die Kontinentalplatten zu tanzen beginnen und ständig irgendetwas abstürzt, einstürzt, zerscheppert und außer Kontrolle gerät. „Und“, nicht „oder“.

 

Was folgt, sind massive Zerstörung, physikalische Absurdität und zahlreiche Heldentode – ganz, wie es die Amerikaner vorgemacht haben. Zweifellos groß und spektakulär, aber oftmals unbeteiligt serviert. Das menschliche Drama kommt mit höherer Intensität daher, was niemanden überraschend dürfte, der zumindest minimal Vertraut ist mit dem populären Kino Chinas. (Oder Asiens.) Der mögliche Herzschmerz und der Tränendruck werden noch mit privaten Offenbarungen und Flashbacks verstärkt, die teils wirklich in allerletzter Sekunde in den Plot geschmissen werden, als wären sie Zünder für planetare Triebwerke. Der Besuch einer vollvereisten Großstadt erinnert vermutlich nicht nur zufällig an „The Day after Tomorrow“. Dabei stellt sich die Frage, ob chinesische Wolkenkratzer, in diesem Fall in Shanghai, für deutsche und europäische Zuschauer so vertraut sind wie die Wahrzeichen New Yorks. Vermutlich (noch) nicht. Einigermaßen wirkungsvoll ist der Anblick aber dennoch. Und was macht eigentlich in der Zwischenzeit Dad auf der Raumstation? Der legt sich doch tatsächlich mit der dortigen KI an, um seine Familie auf der Erde zu erreichen und zu unterstützen, denn nicht einmal verrücktestes Sci-Fi Emo-tainment kommt ohne „2001“ Referenzen aus.

 

© Netflix, China Film Group

Ginge es nur nach der Effektqualität, könnte auch dieser Film nichts am amerikanischen Monopol aufs effektreiche Unterhaltungskino ändern. So gewaltig das alles ist, so künstlich sieht es auch oft aus. Nicht „schlecht gemacht“ künstlich, schlicht zu viel für einen Film, der kaum die Hälfte von dem kostet, was amerikanische Genre-Standards verschlingen. Vielleicht hätte man sich im Script auch gut und gerne eine (oder gar zwei) der zahlreichen Ein- und Absturzsequenzen sparen können. Aber das wäre natürlich langweiliger gewesen. Und wirklich langweilig ist „The Wandering Earth“ nicht, jedenfalls nicht so richtig, obwohl echte Überraschungen relativ rar gesät sind. Und das ist fast bedauerlicher. Im Versuch, eine Alternative zum amerikanischen Blockbusterkino darstellen zu wollen, ist man diesem vielfach zu ähnlich geworden. Klar ist aber auch: Das amerikanische Kino hat schon Schlimmeres abgeliefert und das chinesische Kino kann zweifellos noch besser werden.

 

Wie so oft, wenn man eine vertraute Geschichte nun mit einer fremden Stimme oder aus einer neuen Perspektive hört, wenn klassische Abenteuer von ungewohnten Gesichtern durchgespielt werden, entscheidet dieses erste eine Mal der Abweichung nicht über Grundsätzlichkeiten dieser „fremder“ Stimmen, neuen Perspektiven und ungewohnten Gesichter. „The Wandering Earth“ muss nicht besser sein als „Independence Day“ oder „Interstellar“, um seine Existenz zu legitimieren. Sehen Chinas nächsten 25 Blockbuster ähnlich aus, darf man sich Gedanken machen. Bis dahin gilt festzuhalten, dass auch China Sci-Fi Bombastspektakel kann, mit teils neuen Ideen und teils ähnlichen Schwächen.

 

Fazit: Mit Vollgas ins physikalische Sci-Fi Niemandsland. Als großspuriges Effektkino aus China wirkt „Die wandernde Erde“ frischer, als er eigentlich ist. So gibt es letztendlich nicht so wahnsinnig viel, was diesen Film von der einschlägigen amerikanischen Katastrophenfilmkonkurrenz unterscheidet. Das kann man sowohl positiv als auch negativ sehen.

4,5/10

Autor: Christian Westhus

Ein echter Ostwestfale. Gebürtig aus einer kleinen Doppelstadt, die niemand kennt, studierte Literatur in einer Stadt, die es angeblich nicht gibt (Bielefeld). Arbeitet seit 2006 für BereitsGesehen, schreibt Kritiken und Kolumnen, gehört zum Podcast Team und ist einmal im Monat beim KultKino in Lippstadt zu sehen.

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