BG Kritik: „Teenage Mutant Ninja Turtles“ (2014)

26. Oktober 2014, Christian Mester

Cowabunga! Reporterin April O’Neil lernt eines Nachts auf Streifzug die Turtles kennen: mutierte Schildkröten, die die Stadt vor dem lebenden Schweizer Taschenmesser Shredder beschützen wollen. Scharfschneider Shredder und seine fiesen Fighter von der Foot Gang haben Böses vor, denn zusammen mit einem sinistren Industriellen haben sie vor, New York zu übernehmen…

(C) Paramount Pictures

Teenage Mutant Ninja Turtles (US, 2014)
Regisseur: Jonathan Liebesmann
Cast: Megan Fox, William Fichtner, Will Arnett

Wie groß war der Unmut, als der erste Trailer („nein nein, woah, entspann dich – ist nur eine Maske“) aus dem Gulli hochgesickert kam? Wie eine eitrige Mandelentzündung bleibt‘s weiterhin schwer zu schlucken, das neue Design. Die grünen Bodybuilder sind tricktechnisch tadellos umgesetzt, aber hässlich, irritierend hässlich. Raphael und Donatello gehen noch am ehesten, da Raphs Gesicht eh zu 50% mit Bandana verdeckt ist und Donnie mit lauter Brillen behangen wurde, aber Keksscherz Mikey ist der Elefantenmensch. Dass dieser Teletubbie auf Steroide laufend April angräbt und sich dabei wie ein Rapper gibt, machts nicht besser.

Ungünstig, wenn die eigentlichen Helden wie Humanoids from the Deep ausschauen. Der Film war den Machern übrigens so unwichtig, dass sie die Hauptfiguren während des Drehs noch komplett umschrieben. William Fichtner, der den Mogul Eric Sachs spielt (amerikanisiertes Oroku Saki, Shredders Figurenname in den Comics und Zeichentrickserien und alten Filmen) gab während des Drehs Interviews, in denen er sich als der Shredder outete. Im Film ist es plötzlich jemand anders, und Sachs nur noch dessen Handlanger. Komische Änderung, die nicht als Twist fungiert und auch sonst nichts mit sich bringt. Shredder wird daher nun von einem Unbekannten gespielt, der auch als Figur genau genommen wenig Bezug zum Rest des Films hat. Er taucht mehrfach auf und shreddert, doch die Reden schwingt Sachs, was einen charakterlosen Shredder und einen schnetzelosen Schwätzer hervorbringt. Nicht mehr Shredder zu sein macht Sachs belanglos, denn in einem Film mit Ninja-Schildkröten, Guru-Ratten und Klingenbeserkern sind lahme Geschäftsleute als Hauptfiguren obsolet.

(C) Paramount Pictures

Die Story stürzt sich auf den aktuellen „wir müssen alles erklären“ Trend und erklärt mehrfach mit verrenkten Armen, dass Turtles, Splinter, Sachs und April schicksalshaft miteinander verbunden sind – durch ein Ereignis aus der Vergangenheit, das die Eltern-Rückblenden aus den nicht ganz so amazingen The Amazing Spider-Man Filmen nachmacht. Eine Wahrheit, die weder Schildträgern, noch April näher bewegt und sich zu wichtig nimmt. Inszeniert ist das ganze sehr bedeutungsschwanger, sodass man leider nicht schnell merkt, dass man sein „Krang besser im Technodrome“, dh sein Hirn besser zuhaus gelasen hätte. Der Film erzählt seine Story sehr ernst, dann aber gibts Szenen mit Baby-Turtles, wie sie Nunchaku üben und rumfurzen? Wieso ein Turtles Film nach X Inkarnationen in der neuen 100 Millionen Dollar Version derart planlos daherkommen muss, bleibt wohl in der Dimension X versteckt. „D’oh, ist halt für Kinder“? Dafür sind die Säle verblüffend voll mit Studenten aufwärts.

Wer älter ist, der kennt noch die alten zwei Filme mit Ernie Reyes jr (aus Surf Ninjas), mit Shredders miesepetrigem Glatzknallkopf Tatsu, mit Casey Jones, der als einziger in der alten Variante April ans Leder will, mit den Fake Bebop und Rocksteady Rahzar und Tokka. Der erste ist für heutige Kinderfilmverhältnisse ein Film mit vielen Schatten und einiger Coolness, in dem der Shredder Eindruck schindet und eines groß rüberkommt: die Bindung der Turtles zueinander als eingespielte und verspielte Brüder, wo sie mehr noch wie Kinder als wie Teens wirken. Ein Film, der zur Zeit von American Fighter gleicherseits das Thema Ninja in Kinderzimmern inspirierte. Das Geheimnis des Ooze mit Supershredder und Vanilla Ice (Go Ninja, Go Ninja) ist sehr viel alberner, mit viel „Boing“ Humor wie bei Batman & Robin. Im Vergleich sind die neuen Turtles zusammen abhängende Mutanten, bei denen bis auf eine Szene nie Familiengefühl aufkommt. Der neue Film nimmt sich noch ernster als das Original, anscheinend weil einem das Kindliche peinlich ist, doch wiegt Liebesmann es nicht mit erwachsener Handlung auf. Mit Ninja und Martial Arts hat der Film zudem leider wenig zu tun, so ist die Foot Gang eher Call of Duty Spezialeinheit und nutzen die Turtles kaum Ninja-Fähigkeiten. Warum auch, wenn man so schon kugelsicher ist? Gegen Filmende findet man sie vielleicht gar in Ordnung, aber den Kult, diese Instantsympathie, den die alten Turtles Filme und Serien schaffen konnten und Myriaden an Merchandisekanäle eröffneten, kriegen diese CGI Battletoads nicht hin.

(C) Paramount Pictures

Glücklicherweise ist der neue kein neuer Turtles 3, denn wenn der Film eins nicht ist, dann fad und langweilig. Shredder, hier von Anfang noch superer als der Supershredder, hat unzählige Messer, schießt Messer und bewegt sich trotz sicher 300kg Exoskelett stilettoschnell. Alle Kämpfe mit den Shredder, darunter auch einer mit Splinter, der hier auf Action-Yoda machen darf, sind – sofern man denn komplett (!) im Computer gemachtes Heldengekloppe mag und das schlechte Turtles Gewissen dadurch beruhigt, Guardians, Cap 2, Her, Grand Budapest und den Lego Movie bereits artig gesehen zu haben – daher ziemlich unterhaltsam und merklich besser inszeniert als anderer CGI Schrott wie RIPD oder I Frankenstein. Auch wenn der Shredder außer Kämpfen nichts zu tun kriegt, wünscht man sich schnell, er würde in wirklich jeder Szene durch die Wand gebrochen kommen. Ebenfalls gelungen ist eine längere Partie im Schnee, die in einem Film über New Yorker Turtles galaktisch unpassend wirkt, aber mit viel Krawumm und Dynamik inszeniert ist. Fast schon meta wird der Film, wenn der Kameramann April am liebsten aufs Hinterteil schielt, was der echte Kameramann auch macht, und wir letztendlich auch tun sollen. Von wem das in der Reihenfolge dann letztendlich sexistisch ist, wäre ein nettes Diskussionsthema, aber Diskutieren würde Hirn erfordern, was der Film wohl erst im nächsten Teil mit Krang ermöglichen wird.

Dass der Turtles Film von fast den gleichen Machern wie die Transformers Filme kommt, ist nicht zu übersehen. Visuell ist er ähnlich gefärbt, ausgeleuchtet und mit vielen bay-artigen Kamerafahrten über Sonnenaufgänge und die Stadt versehen, auch wenn Liebesmann natürlich nicht Bays grandioses Autowerbespot-Auge für Bilder hat. Auffällig ist das Sounddesign. Viele Effekte klingen verdächtig bekannt aus den Transformers-Filmen entliehen. Bei aller Bay-Nachmache überrascht die relativ kurze Laufzeit; TF4 etwa war eine ganze Stunde länger. Für viele wird der Turtles Film schon deswegen positiver in Erinnerung bleiben als er ist, aber mit einigem Abstand wird er sich in Erinnerungen noch unter den Remakes zu Total Recall und Robocop einsortieren müssen.

Fazit:
Immer wenn der neue Turtles Spaß machen will, schafft er das. Jede Menge Action und der typische Turtles Humor wissen zu unterhalten, doch verfehlte ernstere Momente und eine allgemeine Oberflächlichkeit halten den Film von einer echten Empfehlung ab.

5/10

Autor: Christian Mester

Dieser Filmenthusiast (*1982) liebt es, manchmal auch mit Blödsinn, Leute für Filme zu begeistern. Hat BG im Jahr 2004 gegründet und ist dann für Pressevorstellungen, Interviews und Premieren viel rumgereist, hat als Redakteur u.a. für GameStar geschrieben, war dann mal Projektleiter in einer Werbeagentur mit Schwerpunkt dt, Kinostarts und - schaut gerad vermutlich schon wieder was.

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