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BG Kritik: „Wir“

Adelaide (Lupita Nyong’o) und Gabe Wilson (Winston Duke) wollen nach einem gemeinsamen Tag am Strand mit ihren Kindern Zora und Jason eigentlich nur noch daheim entspannen. Als eine Gruppe Eindringlinge in der Einfahrt auftaucht, die der Familie unheimlich ähnelt. Wobei unheimlich hier das wahrhaft entscheidende Stichwort ist.

Könnten wir uns Zucker ausleihen?

© Universal Pictures

Wir (US, 2019)
Originaltitel: Us
Regie: Jordan Peele
Cast: Lupita Nyong’o, Winston Duke, Elisabeth Moss, Shahadi Wright-Joseph, Evan Alex
Kinostart: 21. März 2019

Kritik:
Gut zwei Jahre nach seinem höchst erfolgreichen und gar mit einem Oscar für das Beste Originaldrehbuch ausgezeichneten Vorstadt-Horror und Alltags und Rassismus Thriller-Mix „Get Out,“ ist dessen Regisseur und Autor Jordan Peele wieder da. Einem nahezu perfekt anmutendem Kritiken-Echo aus den Vereinigten Staaten folgend, startet nun sein im Original als „Us“ bezeichneter neuer Film. Mit einigen eröffnenden Einblendungen beginnend, präsentiert Peele zu Beginn seiner zweiten Regiearbeit zunächst eine Rückblende auf die in den 1980er Jahren noch sehr junge Protagonistin Adelaide, welche hierin ein paar unbeschwerte Stunden ihrer Sommerferien bei einem Familien-Ausflug in einem Vergnügungspark verbringt. Es gibt Achterbahnen, Kandierte-Äpfeln und ein gruseliges Spiegelkabinett. Ein dunkler Raum also, in dem man seinen Augen nicht trauen sollte, immer eine Hand nach vorne gesteckt lassen will und sich von seinem eigenen Antlitz verfolgt fühlend, dem Ausgang entgegenfiebert, nur um draußen festzustellen (oder sich auch selbst einredend), dass das ja gar nicht so schlimm war. Nur Spiegelbilder und Schatten und somit (nur) schattig anmutende Abbilder unseres eigenen Selbst. Punkte, die Peele später und in der Jetztzeit angekommen Haupthandlung noch öfters und auch oft sehr gekonnt aufgreifen wird.

Aber nicht alles wirkt so gekonnt wie die Erschaffung der Atmosphäre und das Spiel mit der schattigen Individualität und Dualität der Figuren. Doch dazu später. Auf den ersten Blick wirkt „Wir“ wie der klassische Home Invasion-Streifen mit einem interessanten und frisch wirkenden Twist und dem Leitgedanken des Doppelgänger-Motivs. Da die in rote Overalls, Sandalen und mit einem Fahrerhandschuh bekleideten Eindringlinge eben optische Duplikate der Hausbesitzer darstellen. Sie dringen also nicht bloß in die Intimsphäre und Sicherheit der eigenen vier Wände ein und bedrohen diese und das nackte Leben, nein, sie bedrohen zudem auch noch das existenzielle Wissen um das eigene Selbst und die eigene Identität. Gruselig. Sind wir unsere schlimmsten Feinde? Wie viel Böses steckt in jedem von uns? Hier verdammt nah an wortwörtlich gestellten oder aufgeworfenen Fragen. Was es mit den optisch identischen Angreifern in Rot auf sich hat, wird hier selbstverständlich nicht verraten. Auch wenn der Film selbst kaum früher hätte Hinweisschilder dazu ins Blickfeld rücken können, als er es schon tut, so muss man es ihm ja nicht zwingend gleichtun. Überhaupt ist „Wir“ so ein Film, bei dem man am besten ohne größeres Vorwissen hineingehen will, und wohl auch sollte. Anfangs schön intim und eine Detailaufnahme eines normalen Alltags präsentieren – etwas, was schon „Get Out“ sehr gut stand – will Peele dann mehr, dann viel mehr, noch mehr, und später irgendwie gefühlt alles. Und verlor dabei dann ganz offensichtlich den Überblick. Dazu aber noch ein ganz bisschen später.

© Universal Pictures

Auch wenn der Anfang voller erzieherisch wertvoller und ganz amüsanter Gespräche mit Blick auf die ganze vierköpfige Familie Wilson ist – geht es im Luniz Song „I Got 5 on It“ etwa um Drogen? So ist er mit 40(!) Minuten bis zum Eintreffen der „anderen Familie“ einfach viel zu lang, wodurch das Eintreffen dann etwas von einem Befreiungsschlag innehat. Endlich sind die „Anderen“ da. Möge der Horror beginnen. Und auch wenn nicht alles neu wirkt, es funktioniert überwiegend wirklich gut und Peele erschafft abermals eine beklemmende, ganz eigene Stimmung, die er auch lange in den gut zwei Stunden gesamter Lauflänge halten vermag. Wozu auch „Get Out“ Komponist Michael Abels seinen ordentlichen Anteil beiträgt, und die Stimmungsvollen und beklemmenden Bilder passend und ähnlich wie zuvor bei der ersten Zusammenarbeit untermalt. Eindringlinge die aussehen wie die Bewohner dringen in ein Haus ein, und damit beginnt der Horror. Da angeführt von Lupita Nyong’o, ist das selbstredend toll gespielt. Von vorne bis hinten und sowohl die Mutter als auch die Rolle der „Anderen.“ Wie Nyong’o die unterschiedlichen Figuren voneinander distanziert und dann doch wieder annähert, ihnen z.B. völlig unterschiedliche Sprech-Rhythmen verpasst und zwischen tödlich bedrohlich und völlig verängstigt gefühlt mühelos zu wechseln in der Lage scheint, einfach toll. Die für „12 Years a Slave“ mit dem Oscar für die beste Nebenrolle ausgezeichnete Darstellerin führt einen im Genre ohnehin überdurchschnittlich agierenden Cast an, als deren schwächstes Glied wohl Vater Gabe (Winston Duke) in Erinnerung verbleiben dürfte. Etwas verschenkt, aber wie immer gut ist Elisabeth Moss als reiche, verwöhnte und trinkfeste Freundin von Nyong’os Adelaide. Die nicht völlig zu verleugnenden rassistischen Anklänge und (mindestens) Untertöne die seinen „Get Out“ noch begleiteten – Rassismus ist schließlich keine Einbahnstraße – kann Jordan Peele hier gut abstreifen und gefühlt hinter sich lassen. Hautfarben wirken hier wie nicht mehr ganz so wichtig und andere Punkte der Individualität stehen im deutlicheren Fokus. Zum Spannungsteil gesellig und vielleicht zu einem seiner Markenzeichen als Regisseur entwickelnd, die Situationen brechende Komik. Und die ist ab und an durchaus sehr böse, gar zynisch und auch recht treffsicher. Auch in der Dosierung. Denn dabei auch nicht so weit gehend, hier eine Horror-Comedy zu haben. Eher einen (weitestgehend) Horror und Horror-Thriller, mit Momenten der Komik. Dass sich einer der Eindringlinge aus irgendeinem Grund Klischee- und Echsenhaft bewegt, geschenkt und verziehen. Stimmungsvolle Bilder, Spannung, Atmosphäre, tolles Spiel, witzige Momente zum Durchatmen und zum auflockern der Situation. Wo versagt der Film denn nun?

© Universal Pictures

Wie schon erwähnt ist es das Mehr. Peele versteht es die alptraumhafte Situation gut zu nutzen und zu inszenieren, will dann aber eben mehr und zu viel. Leider. Nicht im Sinne von mehr und zu viel Gewalt oder Terror. Das ist der deutschen FSK16 entsprechend alles im Rahmen. Blutiger als „Get Out“ aber kein wirklich Slasher, auch wenn der eine oder andere Spritzer Blut das Filmsetting durchschießt und dann auch durchfließt. Nein, im Sinne von zu viel Bedeutung, nein, eigentlich nur im Sinne von zu viel Erklärung. Und daran zerbricht schlussendlich gar die innere Logik des Filmes. Nicht falsch verstehen, interessante, abgedrehte und völlig verrückte Ideen sind toll. Mit einer Botschaft dahinter gar noch besser. Nur tödlicher als jeder mit einem Baseballschläger ausgeführte Schlag auf den Kopf eines Protagonisten seines Filmes, ist es für die Spannung, Glaubhaftigkeit und schlussendlich eben auch für die innere Logik von Peeles Geschichte, zu viel zu erklären. Genauer gesagt zu versuchen zu erklären und dabei zu scheitern. Anstatt es nebulös, mysteriös und wage zu halten, beginnt man schon mit unnötigen, Hinweise gebenden, erklärenden und Details vorwegnehmenden Einblendungen, geht hinüber zu einer Schulstunde in sowas wie dem Klassenraum des Grauens, und endet mit einem Ende, welches auch ein mit voller Wucht geschlagener Vorschlaghammer nicht weiter hätte plätten könnten. So machen Dinge die zuvor gesagt, gezeigt und getan wurden plötzlich gar keinen Sinn mehr. Und das zerstört einiges am Gesamtbild, da der eigentlich wirklich verdammt gute und spannende Film dadurch wie auf Sand gebaut wirkt. Schade. Wenn man auf eine logische im Sinne von durchdacht wirkende Erklärung keinen bis wenig wert legt, dann dürfte „Wir“ deutlich besser unterhalten. Und das ist ganz und gar nicht überheblich gemeint.

Fazit:
Weniger ist manchmal eben doch mehr, und hier war definitiv mehr drin als nur Spannung, gutes Spiel und was zum Lachen. Zu (über)ambitioniert, neben überwiegend treffsicher Inszenierung von Nervenkitzel und Stimmung, auch noch eine tiefere Botschaft zu übermitteln. Hierbei verzettelt sich Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Jordan Peele vorrangig in der Erläuterung der Story und stolpert über unnötige und im Kontext gar unsinnig wirkende Erklärungen und Verstrickungen, Irrungen und Wirrungen.

6/10

Ein B-Movie Freund, der seit einigen Jahren in Köln heimisch ist und dort erfolgreich Design studiert hat. Seitdem schiebt er u.a. Pixel hin und her.
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