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BG Kritik: „John Wick: Kapitel 3“

Die Jagd ist eröffnet: Eine Stunde Vorsprung hat John Wick gewährt bekommen. Doch dann tritt seine Exkommunikation in Kraft und alle Killer dieser Welt wollen dafür sorgen, dass der „schwarze Mann“ in den Sarg kommt. Die Strafe für einen Regelverstoß – der Hinrichtung innerhalb der sicheren Mauern des Continental Hotels. Doch John gibt sich trotz der ausweglos erscheinenden Situation nicht auf, sondern kämpft, schießt und schnetzelt sich durch eine unerschöpfliche Masse an Gegnern. Und verfolgt dabei sogar einen Plan, der seinen Hals aus der Schlinge befreien könnte. Doch zu welchem Preis?

Keine Frage: Regisseur Chad Stahelski hat eine Vorliebe für spiegelnde Glasoberflächen.

© Concorde Filmverleih GmbH

John Wick: Kapitel 3 (USA 2019)
Originaltitel: John Wick: Chapter 3 – Parabellum
Regie: Chad Stahelski
Darsteller: Keanu Reeves, Ian McShane, Laurence Fishburne, Halle Berry

Kritik:
Was ist das eigentlich mit „John Wick“ und der Kunst? Im Finale von Teil 2 erledigte der wortkarge Waffen-Athlet unzählige Gegner innerhalb eines Museums, färbte weiße Wände mit Blut und Gehirnstückchen rot und erwies den auf den Gemälden abgebildeten Schlachtfeldern alle Ehre, ehe es in eine ultra-stylische Spiegelausstellung mit audiovisueller Extravaganz ging. Und nun, in der hierzulande schlicht mit „Kapitel 3“ betitelten nächsten Fortsetzung, geht es weg von der bildenden Kunst und hin zur performativen Aufführung. In einer Szene präsentiert uns Regisseur Chad Stahelski eine Parallelmontage, die eine Verbindung zwischen harten Kampfbewegungen und Ballett herstellt. Der Körper als Waffe. Der Körper als Kunstwerk. Der Körper als Mittel zum Zweck. Der Körper als Audrucksform. Doch es ist nicht nur der Verweis auf die athletischen Meisterleistungen der unzähligen Profikämpfer und Stuntmen, die an dem Actionfilm gearbeitet haben und deren Werk auf diese Weise mit Kunstformen gleichgestellt werden, die ein höheres Ansehen genießen. Wenn in einer aufwendigen Ballettszene zwischen den hochkonzentrierten Tänzern plötzlich drei Killer auftauchen, langsam in ihren dunklen Outfits zur Bühnenvorderseite schreiten und die Darsteller des Balletts immer mehr in Vergessenheit geraten lassen, sagt das ganz eindeutig aus: Egal, wie zivilisiert sich gegeben wird, am Ende ist man doch nicht besser als ein Raubtier.

Das ist ein Grundthema von „John Wick: Kapitel 3“. Wenn auch unbeholfen integriert und am Ende nicht wirklich gewinnbringend, wird der Kontrast zwischen bestialischer Gewalt und hochkultiviertem Verhalten immer wieder deutlich gemacht. Im einen Moment stapeln sich die Leichen, im nächsten wird Wein getrunken, klassische Musik gehört und stets die Umgangsform gewahrt. „Was wären wir ohne Regeln?“ – Diese Frage wurde schon in „Kapitel 2“ gestellt. Sie wird auch hier in den Mund genommen und erhält Einzug in die Inszenierung. Doch am Ende ist es eine Spielerei und hat ebensowenig Relevanz wie die kurzen Momente, in denen sich John Wick fragen muss, was ihn überhaupt am Leben hält. Es sind eingestreute Augenblicke. Wäre „John Wick: Kapitel 3“ eine Graphic Novel, wären es vereinzelte, bedeutungsschwanger wirkende Panels mit kleinen Gedanken- oder Sprechblasen, die blutrot gefärbte Seiten von blutrot gefärbten Seiten trennen. Kurze Verschnaufer, die einen Schein von Charaktertiefe erwecken sollen und ganz im Dienste der schwarzhumorigen Grundhaltung des überzeichneten Stoffes stehen.

Der Gesichtsausdruck des Hundes sagt alles über die Qualität von Halle Berrys Rolle…

© Concorde Filmverleih GmbH

Das alles kann jeder kritisch sehen, der an einer ernstzunehmenden Auseinandersetzung mit den Themen Gewalt, Kultiviertheit, Moral und Identität interessiert ist. Aber sitzt so jemand überhaupt in dem dritten Teil einer ultra-brutalen Action-Orgie namens „John Wick“? Nein, wer sich zum wiederholten Male auf eine Kopfschuss-Parade mit Keanu Reeves‘ aktueller Kultfigur einlässt, weiß genau, dass hier Kontraste erzeugt werden, um mit ihnen zu spielen, um das Groteske der erschaffenen Gangster-Welt weiter hervorzukitzeln, um das Profil des von der Leine gelassenen Killers um ein paar Schlagworte zu ergänzen. „John Wick“ ist neon-blutige, pulpige Actionunterhaltung, überzeichnet, knallhart und mehr Comic, als so manch ein Superheldenfilm. Das wird im dritten Teil deutlicher denn je. Und so sollte es hier vielmehr um die Frage gehen: Liefert „John Wick: Kapitel 3“ den Fans der Reihe das, was sie sich erhoffen? Die Antwort kann nur lauten: Ja! Doch dieses „Ja“ kommt nicht ohne Zusatz aus. Und dieser Zusatz heißt: Der Film liefert zu viel des Guten.

Als Actionfan kann man vor Stuntman Chad Stahelski nur den Hut ziehen. Gemeinsam mit Kollege David Leitch inszenierte er die Action im ersten „John Wick“ 2014 so erstaunlich übersichtlich, mitreißend, tänzerisch und dennoch so dermaßen knallhart, wie man es sich in Zeiten von Wackelkamera und Staccato-Schnitten gar nicht mehr zu erhoffen gewagt hatte. Als Solo-Steuermann der ersten Fortsetzung ließ Stahelski die Fights und Shootouts grober und derber werden, blieb aber der großen Stärke treu: Ein Stunt ist ein guter Stunt, wenn er auch zu erkennen ist. Großartig. Und auch in „Kapitel 3“ bleibt der Regisseur dieser Tugend treu. Was hier mit nur wenigen Schnitten an einfallsreicher Kampfchoreografie geboten wird, wird im Kinosaal für hohen Pulsschlag, offene Münder, ungläubiges Gelächter und erschrockene Ekelschreie sorgen. Aber vielleicht auch für vereinzelte Gähner. Denn da können noch so viele Pferde als Waffe verwendet, noch so viele Kampfkunsttricks und noch so viele verschiedene Arten der Pistolennutzung gezeigt werden: Dadurch, dass die Actionszenen im Vergleich zu den Vorgängern noch länger und noch brutaler geworden sind, lassen sich erstmals Ermüdungs- und Abstumpfungserscheinungen wahrnehmen.

Mit dem Gaul gibt’s auf’s Maul: Pferde sind für Wick nicht nur Fortbewegungsmittel, sondern auch Waffen!

© Concorde Filmverleih GmbH

Das wird unter anderem in einer groß angelegten Kampfszene in Casablanca (Die Stadt, nicht der Film…) deutlich. Davon ab, dass die von Halle Berry gespielte Killerin Sofia kurz zuvor nur eingeführt wurde, damit es in dieser Actionsequenz zu einem Team-Up mit Wick kommt – ganz schwache Dramaturgie und eine riesige Enttäuschung für Fans der Schaupielerin – werden die Besonderheiten des krawalligen Geschehens immer und immer wiederholt. Sofia schickt einen Hund auf die Gegner, der sich dann in dessen Weichteile verbeißt. Sofia erschießt Gegner. Wick erschießt stylisch Gegner. Sofia erschießt stylischer Gegner. Der nächste Hund verbeißt sich in Weichteile, der andere Hund schnappt sich direkt die nächsten Weichteile. Sofia erschießt Gegner. Wick erschießt stylisch Gegner. Und täglich grüßt der Headshot. Es ist alles einen Tacken zu langgezogen, einen Tacken zu repetitiv, so dass sich immer wieder kurz der Schleier der durchgestylten Bilder öffnet und den Blick auf das öffnet, was „John Wick“ ist und schon immer war: Eine besonders beeindruckende, besonders blutige, besonders einfallsreiche Stuntshow für volljährige Kinder mit schwarzem Humor und festem Magen.

Was sonst zu sagen bleibt? Fans der Reihe werden weiterhin Fans sein, vielleicht sogar nun mehr denn je. Immerhin erweitert Triple-Wick die groteske Gangster-Welt erneut um ein kleines Stück, deutet aber an, dass es noch viel mehr zu entdecken gibt. Keanu Reeves zeigt noch keine Ermüdungserscheinungen, was auch gut so ist, immerhin geht es 2021 ja schon weiter mit der Serie, die sich aufgrund der inszenatorischen Einheitlichkeit auch immer mehr nach cineastischer Serie anfühlt. Und wenn der Abspann von Teil 3 über die Leinwand flimmert, ist auch klar, warum es das noch nicht gewesen sein kann. Aber wer hätte auch schon erwartet, dass die Handlung zu einem endgültigen Abschluss kommt? Immerhin verweist der Originaltitel „Parabellum“ ja darauf, dass ein Krieg vorbereitet wird. Vorbereitet, noch nicht geführt. Ein Hinweis darauf, dass uns die eigentliche Eskalation erst in Teil 4 erwartet? Vielleicht wird es noch blutiger, noch härter, noch bleihaltiger – und mit etwas Glück ja sogar wieder dramaturgisch ausgefeilter.

Kurz und knapp:
Actionfans, ihr dürft sabbern! „John Wick: Kapitel 3“ legt in Sachen Kämpfe, Schießereien und Brutalität noch ein paar ordentliche Schippen drauf, bleibt dabei gewohnt stylisch und schwarzhumorig. Inszenatorisch wieder ganz groß. Aber: Dramaturgisch gerät der Trip einige Male ins Straucheln. Dass einige Actionszenen den Bogen etwas überspannen, könnte beim ein oder anderen Zuschauer zu ersten Ermüdungserscheinungen führen.

7/10

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