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BG Kritik: „Alita: Battle Angel“

Die junge Alita ist genau genommen eigentlich nicht mehr als ein Gehirn. Ein menschliches Hirn in einem reichlich, nein, vollständig robotischen Körper, in einer Zukunft, in der die meisten Menschen mit kybernetischen Körperteilen versehen sind. Wieder zusammengeflickt von Tüftler Ido (ein warmherziger Christoph Waltz), hat sie ihr Gedächtnis verloren und begibt sich mit großen Glubschaugen durch die Straßen einer futuristischen Stadt, neugierig, wo sie wohl herkommen mag…

ALITA: BATTLE ANGEL (2019)
Robert Rodriguez
Rosa Salazar, Ed Skrein, Christoph Waltz

(C) 20th Century Fox

Christian Mester ist übrigens hier, um Kaugummi zu kauen und um auf die Kacke zu hauen – und Kaugummi hat er gerad keins mehr.

Kritik:
Von Robert Rodriguez, Regisseur von From Dusk Till Dawn und Machete („Machete don’t l33thaxor“), zudem geschrieben von James Cameron, Schöpfer von Terminator 1+2 und Avatar, außerdem basierend auf einem legendären Manga und dann auch noch mit über 200 Millionen Dollar Budget ins Leben gerufen. Wie kann man da als Genrefan nicht neugierig gewesen sein? Keine Frage, zu Beginn von Alitas gar nicht mal großer Werbekampagne drehte sich alles zunächst nur um Alitas überdimensionale Goldfischaugen, die in den Trailern schlicht seltsam wirkten (und für den finalen Film nochmal ein klein wenig verkleinert wurden). Nur wenig Augenmerk richtete sich auf die Rundum-Handlung eines Mädchens im kleinen künstlichen Körper, die sich gegen klingenwetzende, allers zerkebabente Cyborg-Killerattentäter beweisen muss. Vielleicht weil es trotz aller Detailverliebtheit recht generisch aussah? Tatsächlich ist es das auch im fertigen Film.

Sehen wir mal von der Effektpracht ab, und Alita: Budget Angel sieht überaus teuer aus, ist Alitas ein-Underdog-gegen-das-System Story genau so flach und vorhersehbar wie in den Divergents der letzten Jahre. Selbst die erlebte Dialogqualität grenzt teilweise derb an derart argen Banalitäten, dass man kaum glauben mag, dass ein James Cameron daran mitgeschrieben haben will. Sein Avatar war schon kein Tolstoi, aber verglichen mit Alita ist Avatars Pocahontas-Interpretation so ganz weit wortgewandter und episch emotionaler. Alita: Battle Angel nimmt sich zudem nur wenig Zeit für die Atmosphäre ihrer Welt und hetzt durch die simple Handlung, begierig auf Motorball. Selbst Mortal Engines: Krieg der Städte (meine BG Kritik) war da etwas geduldiger. Apropos Mortal Engines – der und auch The Maze Runner konnten im Wesentlichen durch originellere Settings auftrumpfen. Eine Sci-Fi Stadt mit Cyborgs hatten wir schon etliche Male, in Filmen wie Johnny Mnemonic oder Games wie Deus Ex, und Alitas Welt hat leider so nichts groß originelles Eigenes zu bieten. Selbst der gewalthaltige Sport Motorball, eine brutale Mario-Kart-Variante auf Skates, ist schon mal auf der Leinwand gewesen, in Rollerball. Der auch Ballsport auf Skates war, und der sogar schon vor 20 Jahren ein Remake hatte (mit LL Cool J).

(C) 20th Century Fox

Dass die Welt Alitas gut gemacht ist, ist gar keine Frage. Die eingesetzte Effektarbeit ist generell hochwertig, die Cyborg-Designs sind trotz kreativer Einfallslosigkeiten cool und in Actionszenen cool in Szene gesetzt, die Action eskaliert herrlich und ist bis auf die rasanten Motorballkämpfe immer fein übersichtlich geschnitten. Dass Alita selbst nicht gänzlich echt aussieht, ist verschmerzbar. Rosa Salazars leicht abgeänderte Cyborg-Pinocchiofigur ist zu vielerlei Emotionen fähig und mag als solche später gar mitreißen, wenn es denn dramatischer wird, auch wenn ihre Handlung  ihr weniger erlaubt als beispielsweise Caesars in den drei Planet der Affen Filmen. Überhaupt macht Salazar eine tolle, sympathische Figur, und Leuts wie Christoph Waltz und Jennifer Connelly ergänzen sie nett und zurückhaltend.

Was Rodriguez betrifft, ist es ein seltsames Werk seiner Filmografie. Klar hat er schon etliche Kinderfilme gemacht, aber gerade der Dreck, der Schmutz, der derbe MexiCowboy-Humor von Filmen wie From Dusk Till Dawn, Planet Terror, Machete oder Desperado hätte hier gut getan, der Welt Alitas noch mehr Charakter zu verleihen. Er fährt zwar die schlimmstmöglichen Tötungsmaschinen auf (Grewishka ist ein wahrer Mecha-Albtraum, der auch dem Major aus Ghost in the Shell Muffensausen bereiten würde) und lässt hier und da sogar Blut zu, doch man merkt, dass er zurückgehalten wird und Alitas Welt nicht so belebt, roh und glaubhaft wirken lässt wie beispielsweise die Welt von Blade Runner. Was Jim Cameron betrifft, sind hier prinzipiell einige seiner beliebten Elemente wiederzuerkennen. Nach Ripley, Rose und Neytiri ist auch Alita eine starke Frau, die sich in einer von Männern dominierten Branche behaupten muss, und auch hier gehts um Maschinenwesen, die um Menschlichkeit kämpfen. Wer denken mag, dass das Seichte an den anderen Partnern gelegen haben mag: Co-Autorin Laeta Kalogridis hat die Serie Altered Carbon entworfen, und Vorlagenschreiber Yukito Kishiro hatte keinerlei Oberflächlichkeiten vorausgelegt. Zu vermuten ist, dass vermutet wurde, dass eine möglichst einfache Geschichte maximalst kommerziell sein würde. Dass die Bösen nun aber nur hinter Geld her sind und Alita bloß ihren Teenschwarm-Boyfriend zu retten versucht, lässt wenig Drahtseilakt zu.

Schlecht ist hier eigentlich niemand, keine Bedenken – bis auf Tom Holkenborg alias Junkie XL. Dass der Mann mit dem Score von Mad Max: Fury Road einen der besten Actionfilm-Scores der letzten Dekade auf die Beine stellen konnte, mag man ihm von diesem Soundgerüst her nicht abzukaufen. Seine Tracks kommen nicht gerade vom Schrottplatz, aber alles dröhnt so austauschbar seelenlos ohne erkennbare Melodien, ohne besondere Töne vor sich her, dass es zwar relativ treffend zum seichten Handlungsgefüge passt, leider somit aber auch dazu beiträgt, Alitas Abenteuer maschineller, automatisierter wirken zu lassen. Als hätte man den Temp-Platzhalterscore vergessen gegen den richtigen einzutauschen. Wirklich: man stelle sich diesen Score bei Terminator 2 vor. Ergo hätte anders herum auch Guns N‘ Roses hier geholfen.

Fazit:
Alita: Battle Angel ist ein schmucker Sci-Fi-Actioner geworden, der Spaß macht, mit toller Action unterhält und jedem gutes Futter sein müsste, der nicht gerade zwingend auf Neuromancer-Qualitäten hinfiebert. Das hier ist zweifelsohne bloß kurzweilige Popcornmaschinerie und mit der tollen Vorlage nicht zu vergleichen, landet aber besser als das Ghost in the Shell Remake, das sich zu ernst nahm. Alita macht sich und euch nichts vor und bringt das, als was es sich verkauft: jede Menge Spektakelrobotik und ein bisl Herz.

7/10

Dieser Filmenthusiast (*1982) liebt es, manchmal auch mit Blödsinn, Leute für Filme zu begeistern. Hat BG im Jahr 2004 gegründet und ist dann für ...
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