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BG Kritik: „Bird Box – Schließe deine Augen“

9. Januar 2019, Christian Mester

Unheimliche Wesen greifen die Erde an und machen jeden wahnsinnig, der sie, nun ja, sieht. Entweder nimmt man sich sofort das Leben oder man wird zu einer willenlosen Marionette, die andere nach draußen ins Verderben locken – denn in gewöhnliche Häuser und Verstecke können die Wesen selbst nicht hinein. Inmitten dieser Schrecken versucht eine verzweifelte Mutter (Sandra Bullock) mit zwei Kindern zu überleben…

Bird Box (US 2018)
Regie: Susanne Bier
Mit: Sandra Bullock, Sarah Paulson

„Bird Box“ soll einer der größten Erfolge sein, die Netflix bisher veröffentlicht hat. Über 45 Millionen Abonnenten sollen den Film in der ersten Woche gesehen haben, was ihn zu Sandra Bullocks erfolgreichsten Film bisher machen würde. Kann das wohl stimmen? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Angeblich soll Netflix über 130 Millionen Kunden weltweit haben, und wenn jeder dritte davon zumindest einmal kurz rein gesehen hat, könnte das schon hinhauen. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass die Nummer gnädigst nach oben aufgerundet wurde und es dann doch „nur“ 10 Millionen oder so waren. Was immer noch viel ist, aber halt nicht den Status eines „Iron Man 4“ hätte.

Wahrscheinlich ist sogar, dass der Film als Kinoveröffentlichung sichtbar weniger Interesse auf sich gezogen hätte. Von der Couch aus ist der Anspruch doch meist deutlich geringer und man lässt sich schneller mal auf was ein, für das man die 10+ Euro fürs Kino + Parkhaus + Snacks sonst eher nicht ausgegeben hätte. Wahrscheinlich ist auch, dass die meisten, die „Bird Box“ neugierig angeklickt haben, sichtlich unterwältigt wurden. Viel wusste man ja im Vorfeld nicht. Bullock ist Oscar-Preisträgerin und eine beliebte, hochkarätige Darstellerin, der Film ihr erster Horrortitel, übersieht man mal die Thriller „Spurlos“, „Mord nach Plan“ und „Die Vorahnung“, die doch eher Thriller waren. „Bird Box“ hingegen ist zumindest leichter Horror und ähnelt M. Night Shyamalans „The Happening“ so sehr, dass man fast von einem losen Remake sprechen könnte. Hier geht es um ein (spoiler) niemals gezeigtes Böses, das die Menschen in den Selbstmord treibt. In „The Happening“ war es die Natur, die den Menschen als lästige Bazille loswerden wollte und sie mit irre machenden Gasen einnebelte, hier ist es der erschauerliche Anblick des Bösen. Von der Handhabe her ist es aber beides das gleiche. Die wenigen Protagonisten hasten von Ort zu Ort, versuchen dem Bösen ständig zu entgehen, also, es nie zu sehen, und treffen unterwegs immer wieder auf andere Überlebende.

Da sie unterwegs nichts versehentlich sehen dürfen, sind sie immer mit verbundenden Augen unterwegs, was zwar hinsichtlich der Wesen Sinn ergibt, für uns als Filmzuschauer allerdings häufiger albern erscheint. Wenn Sandra Bullock ernsthaft mit verbundenden Augen ins Ruderboot steigt und Stromschnellen herunterpaddelt ist das genau so blöd, wie sie „blinde Kuh“ spielend durch den Wald stapfen zu sehen, Gefahr laufend, sich jederzeit die Haxen zu brechen oder gegen einen Baum zu latschen. Leider vermag es die dänische Susanne Bier, die zuletzt die tolle Hugh Laurie / Tom Hiddleston Miniserie „The Night Manager“ gemacht hatte, nicht, Atmosphäre aufkommen zu lassen. War der vergleichbare „A Quiet Place“ im letzten Jahr immer wieder äußerst spannend, bleibt „Bird Box“ stets auf Kaffeefahrtniveau. Fast alle Szenen spielen bei Tageslicht, und die Tatsache, dass die Handlung ständig von einer Vorschau späterer Ereignisse unterbrochen wird, die sehen lässt, wer in der Zukunft noch lebt und wer nicht, schmälert das Mitfiebern noch weiter.

Bullock versucht ihr bestes, wie immer, doch mit dem simplen Script, der blöden Grundidee, einer uninspirierten Regie und umgeben von augenscheinlich eindimensionalen Figuren und charismafreien Darstellern ist sie etwa so verloren wie es Will Smith im mäßigen Ork-Polizeifilm „Bright“ war. Am schlimmsten ist eigentlich die Tatsache, dass „Bird Box“ sein Böses endlos lange anteasert – aber letzten Endes niemals zeigt. Moment, das kann durchaus funktionieren. In keinem der drei „Blair Witch Project“ Filme gabs besagte Hexe zu sehen (nein, das langgliedrige Ding aus dem dritten ist nicht die Hexe, sondern eine ihrer Dienerinnen) , und dennoch war sie zumindest in zwei der drei Teilen irre präsent und gruselig. Da wurde es glaubhafter verkauft, dass es eine Bedrohung gibt und sie Figuren bedroht, an denen uns einiges liegt. Bier scheint aber auch eh kein großes Interesse an Genreszenen zu haben, an vor Spannung triefenden Gruselmomenten; man merkt, dass es ihr eigentlich gar nicht um die Sache mit den Wesen geht, sondern vielmehr um Bullocks Figur und deren Zögerlichkeit, ihre eigene Mutterschaft zu akzeptieren. Um das besser zu verpacken, hätte der Film im Kern aber authentisches Drama tragen müssen, oder wie der großartige „Children of Men“ subtiler Fragen stellen müssen, und beides hat er nicht. Wieso der Film übrigens Vogelbox heißt? Im Film werden Vogelkäfige als Alarme benutzt: werden die Vögel wild, ist ein Wesen in der Nähe.

Fazit:

Wie die Figuren im Film stochert „Bird Box“ ahnungslos umher, stolpert über Banalitäten und rudert starken Monster- und Charakterszenen davon. Ein schwacher Film, der mit Wehmut an „Children of Men“ und „The Blair Witch Project“ erinnern lässt.

3/10

Autor: Christian Mester

Dieser Filmenthusiast (*1982) liebt es, manchmal auch mit Blödsinn, Leute für Filme zu begeistern. Hat BG im Jahr 2004 gegründet und ist dann für Pressevorstellungen, Interviews und Premieren viel rumgereist, hat als Redakteur u.a. für GameStar geschrieben, war dann mal Projektleiter in einer Werbeagentur mit Schwerpunkt dt, Kinostarts und - schaut gerad vermutlich schon wieder was.

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