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Filmkritiken

BG Kritik: „25 km/h“

Nach 30 Jahren ohne Kontakt begeben sich die beiden Brüder Christian und Georg mit den Mofas aus ihren Jugendtagen auf einen Road Trip quer durch Deutschland. Es warten skurrile Begegnungen, lehrreiche Gespräche und Lektionen für’s Leben auf die beiden äußerst unterschiedlichen Männer.

@ Sony Pictures

25 km/h (DE 2018)
Cast: Lars Eidinger, Bjarne Mädel, Franka Potente
Regie: Markus Goller

Kritik:
Komik und Melancholie liegen manchmal dicht beieinander. Zwei Seiten einer Medaille. So wie Tod und Leben, Anfang und Ende. Ein Todesfall ist es auch, der für die beiden Hauptcharaktere Christian (Lars Eidinger) und Georg (Bjarne Mädel) den Beginn ihres Trips markiert und ihnen so den Eintritt in ein neues Leben ermöglicht. Wie so oft steht auch in „25 km/h“ die Reise für den Entwicklungsprozess der beiden Protagonisten.

Doch erst kommt der Tiefpunkt. Die Beerdigung des Vaters lockt Workaholic und Headset-Dauerträger Christian zum ersten Mal seit drei Jahrzehnten ins heimatliche Dorf. Bruder Georg hingegen hat den beschaulichen Ort nie wirklich verlassen und war für die Pflege des schwerkranken Vaters verantwortlich. Das erste Wiedersehen der Beiden findet am Grab vor den Augen der Trauergemeinde statt – und nach nur wenigen Worten eskaliert die Situation. Ewig in sich hineingefressener Ärger entlädt sich: Die anderen Anwesenden werden Zeuge einer spätpubertären Rauferei zweier Anzugträger; der Zuschauer im Kinosaal darf sich verwirrt fragen, ob er nun Mitleid empfinden oder lachen soll.

@ Sony Pictures

Keine Frage: Regisseur Markus Goller, der hier zum ersten Mal seit dem überzeugenden „Friendship!“ mit Drehbuchautor Oliver Ziegenbalg zusammenarbeitet, intendiert mit „25 km/h“ beides, jongliert gekonnt mit traurigen und amüsanten Zutaten, lässt seine im Kern tragischen Figuren immer wieder in skurrile Situationen geraten. Dafür sorgt das Reise-Vorhaben bereits an sich: Der schon im Jugendalter geplante und nun noch im Beerdigungsanzug durchgeführte Road Trip nach Rügen sieht einige Aufgaben vor, darunter Kühe schubsen, ins Meer pinkeln, beim Griechen die gesamte Speisekarte bestellen und natürlich jede Menge Sex haben.

Das Abhaken der Punkte ist mal per se verschroben schrullig oder führt zu kuriosen Situationen. So darf sich Georg nach einem Weinfest bei einem One-Night-Stand mit Ute (Franka Potente) die Weisheit „Sex ist ok, Ficken aber nicht“ anhören, wird gemeinsam mit seinem Bruder von einem hinterwäldlerischen Berserker (Wotan Wilke Möhring) mit Pfeil und Bogen gejagt und ein am Straßenrand aufgesammeltes Hippie-Mädchen (Jella Haase) ist die Eintrittskarte zu einem spirituellen Festivalerlebnis. Nie sind solche Situationen nur komisch, nie sind solche Situationen nur ernst, stets ist Goller darauf bedacht, die eine Stimmung in die andere kippen zu lassen. Lacher führen zu tiefgreifenden Gesprächen über das Leben und verpasste Chancen, Selbstfindungsmomente führen wiederum zu Lachern. Und das funktioniert hervorragend und sorgt in den besten Momenten für ein Indie-Feeling, wie man es aus amerikanischen Genre-Verwandten kennt. Einen großen Teil trägt auch der sorgsam ausgewählte, melancholisch-träumerische Soundtrack, unter anderem mit Songs von The Cure, dazu bei.

@ Sony Pictures

Weit entfernt von kackbraunen Farbfiltern, wie sie in Filmen der Marke Schweiger-höfer unsere Augen attackieren, fängt Markus Goller Deutschland mit seiner abwechslungsreichen Schönheit in hochwertigen Bildern ein. Doch ab und an entgleitet ihm das Tempo seines Films, einige Szenen wirken zu lang, selten gerät die Dramaturgie etwas ins Stolpern. So fallen immer wieder Szenen auf, in denen zu sehr in Momentaufnahmen wie beispielsweise einem Tischtennisspiel geschwelgt wird. Diesem Zelebrieren von durchaus wichtigen Augenblicken fehlen schlicht filmsprachliche Spielereien, um sie in dieser langgezogenen Form zu rechtfertigen. Was aber selbst die wenigen zähen Momente rettet, ist die Spielfreude von Lars Eidinger und Bjarne Mädel. Gerade letzterer überzeugt mit seiner störrischen, liebenswert-trotteligen Art und ist ein Grund, „25 km/h“ auch als gegenüber deutschen Produktionen skeptisch eingestellter Zuschauer eine Chance zu geben.

Fazit:
Ein gleichermaßen melancholisches, komisches und skurriles Road-Movie, erzählt in wunderbaren Bildern und mit einem stimmungsvollen Indie-Soundtrack unterlegt. In manchen Momenten könnte „25 km/h“ jedoch ein wenig mehr Gas geben, verliert sich zu sehr in bedeutungslosen Momentaufnahmen und macht es sich stellenweise zu einfach. Trotzdem: Alleine das Zusammenspiel zwischen Mädel und Eidinger ist es wert, auf’s Mofa zu steigen und zum Kino zu tuckern.

6,5/10

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