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„Es Kapitel 2“ erfordert reichlich Zeit und Sitzfleisch

30. Juli 2019, Christian Westhus

Rein gefühlsmäßig werden die großen Unterhaltungsfilme immer länger. Das liegt vielleicht auch daran, dass die großen Unterhaltungsfilme nahezu ausschließlich Superheldenfilme sind, die u.a. mit ihrer Laufzeit angeben müssen und so tun, als wären sie DAS Ereignis des Jahres. Dein Film ist kürzer als zwei Stunden? Pah! Geh am besten direkt zum Fernsehen. In diese „epische“ Tendenz reiht sich nun auch Horror-Blockbuster „Es“ ein. Dessen bald anlaufender Teil 2 (Kapitel 2) ist, wie Regisseur Andy Muschietti auf einer Pressekonferenz mitteilte, bereits fertig (das ist schon mal ein Vorteil) und rund 2 Stunden und 45 Minuten lang. Man könnte auch sagen 165 Minuten lang. (Kleiner Persönlichkeitstest: gebt ihr Körpergröße in Meter und Zentimeter oder komplett in Zentimetern an?)

Zum Vergleich: Das ist rund 20 Minuten länger als der erste „Avengers“ Film, 15 Minuten länger als „Infinity War“, aber 15 Minuten kürzer als „Endgame“. (Natürlich wird man auch bei „Es“ die Laufzeit inklusive Abspann genannt haben, doch da dort nur grob geschätzt 300 und nicht 30.000 VFX Designer aufgeführt werden müssen, macht das den eigentlichen Film nur noch länger. Und ein noch längerer Director’s Cut soll dann fürs Heimkino ebenfalls folgen.)

Erwähnt man in einem Gespräch „furchtbar lange Filme“, nennen viele Leute™ schnell „Der Pate“ (schlappe 175 Minuten) oder „Lawrence von Arabien“ (je nach Fassung 210 – 228 Minuten) oder „Vom Winde verweht“ (ca. 238 Minuten). Fraglos lange Filme, doch wie weit kann man das Spiel eigentlich treiben? Der legendäre Ingmar Bergman lieferte sein Magnum Opus „Fanny und Alexander“ 1982 mit satten 312 Minuten (5 Stunden, 12 Minuten) ab. Da die vollständige Fassung kaum offiziell in Kinos lief und im TV als Mehrteiler in Episoden ausgestrahlt wurde, sieht man den Film gerne als Miniserie an, ähnlich z.B. einem „True Detective“. Doch Bergmans erste Schnittfassung war ein kompletter nicht-episodischer Film von 312-Minuten Länge. Noch weiter trieb es der Ungar Béla Tarr, dessen „Satantango“ 1994 an der 7-Stunden-Marke kratzte, zwar in diverse Kapitel unterteilt ist, aber dennoch einen einzigen geschlossenen Film darstellt. Viel witziger als die Laufzeit ist aber, dass „Satantango“ nur rund 150 Schnitte besitzt. Das ist ein Schnitt ca. alle 3 Minuten. 150 Cuts haut ein heutiger Actionfilm in weniger als 10 Minuten durch, „Taken 3“ sogar in knapp 2. (Angaben geschätzt). Im Dokumentarbereich ist Claude Lanzmanns „Shoa“, eine im weitesten Sinne Interviewserie zum Holocaust, nicht nur absolutes Pflichtprogramm, sondern mit 566 Minuten (9 Stunden und 26 Minuten) auch noch äußerst lang. Der Filipino Lav Diaz erzählt in 9 Stunden und 53 Minuten von der „Evolution of the Filipino Family“. Doch darüber kann ein Jacques Rivette nur lachen, dessen Spielfilm (ja, ein Film mit Spielhandlung, in der Hauptrolle Jean-Pierre Léaud, bekannt aus „sie küssten und sie schlugen ihn“) „Out1“ 12 Stunden und 55 Minuten geht.

(C) Columbia Pictures, Sony Pictures

(C) Columbia Pictures, Sony Pictures

Und wenn wir uns der undurchsichtigen Welt des Experimentalfilms nähern, mit Werken zwischen Doku und Kunstinstallation, wird es gänzlich absurd. Die deutsche Künstlerin Karin Hörler gab uns und der Welt 2006 „Matrjoschka“, einen Film bestehend aus vermeintlichen Einzelbildern, aus dem Leben gegriffen, Alltagsbilder, die sich äußerst langsam bewegen. Laufzeit? Popelige 95 Stunden. (Das sind 3 Tage und 23 Stunden. Oder auch 5700 Minuten.) Die dänische Künstlergruppe Superflex stellte „Modern Times Forever“ 2011 vor und zeigt darin eine Simulation (oder so), wie ein Gebäude in Helsinki, Finnland im Laufe der nächsten tausend Jahre ver- und zerfallen würde. Das dauert als Film 240 Stunden bzw. 10 volle Tage. Ist das ein Rekord? Als ob! Die Schweden Erika Magnusson und Daniel Andersson verfolgen in „Logistics“ den Produktionszyklus eines technischen Geräts, rückwärts, vom Verkauf beim Kunden, über den Transportweg hin zur Herstellung. In Echtzeit. Dauer? 857 Stunden (35 Tage, 17 Stunden. Oder eben: 51420 Minuten.) Try to #binge that!
Zum Vergleich: „Game of Thrones“ erfordert in seiner Gesamtheit nicht ganz 3 Tage, „Friends“ gut 5 Tage und die verdammte „Big Bang Theory“ bisher 5 Tage und 20 Stunden. Selbst „Dragonball Z“ (rund 7 Tage) und „Naruto“ (4 Tage, 14 Stunden. +10 ½ Tage für Naruto Shippuden) kommen da nicht dran. „Pokémon“? 21 Tage, 9 Stunden. Und hey, dieser „Logistics“ klingt durchaus interessant. Vielleicht nicht 35-Tage-interessant, aber interessant.

„Es: Kapitel 2“ kann dieses Extra an Laufzeit jedenfalls sicher gut gebrauchen. Zumindest theoretisch, denn Stephen Kings wunderbare Romanvorlage ist auch ein überaus langes Buch. „Es“ kommt in der aktuellen deutschen Taschenbuch (Leute müssen große Taschen haben) Ausgabe auf 1500+ Seiten. Die englische Originalversion besteht aus etwas über 444.000 Wörtern. Kings eigener „The Stand“ ist mit rund 470.000 Wörtern noch länger. Doch in der Welt der Bücher ist das noch gar nichts! Arno Schmitt veröffentlichte………….

[„Es: Kapitel 2“ kommt am 05. September in die deutschen Kinos]

Quellen:
DigitalSpy.com
Interessante-Fakten.de
BingeClock.com

Autor: Christian Westhus

Ein echter Ostwestfale. Gebürtig aus einer kleinen Doppelstadt, die niemand kennt, studierte Literatur in einer Stadt, die es angeblich nicht gibt (Bielefeld). Arbeitet seit 2006 für BereitsGesehen, schreibt Kritiken und Kolumnen, gehört zum Podcast Team und ist einmal im Monat beim KultKino in Lippstadt zu sehen.